Episode mit dem Besen.

Nach Verbüßung meiner Haft ward ich ausgewiesen. Ein französischer Gendarm brachte mich zu dem Zweck in das Wiesbadener Gefängnis. Dieser Gendarm war ein korrekter Beamter, der nicht ein Tüpfelchen vom i abwich, aber ein prächtiger Mensch. Er merkte, daß die Haft mir nicht sonderlich gut bekommen war und versicherte mir sofort, daß er mich als politischen Gefangenen betrachte, die er achte. Trotz meines Protestes trug er meinen Koffer bis vor die Gefängnistür. Bei meiner Ablieferung erklärte er mir und der französische Gefängnisverwaltung, daß ich "nix mehr Gefangenes" sei, sondern Ausgewiesener. Darum brauchte ich auch nicht mehr meine Habseligkeiten abzugeben und ich erhielt meine eigene Zelle. Ich bildete mir also ein, Gast der französischen Nation zu sein.
Als daher am anderen Morgen die Zellentüren geöffnet wurden und die politischen Gefangenen daran gingen, die Klosetteimer zu entleeren und die Zellen zu reinigen, erklärte ich mich desinteressiert. Die Aufsicht führte ein brauner Franzose. Er drückte mir einen Besen in die Hand. Mit Entrüstung lehnte ich den ab: "nix mehr Gefangenes", erklärte ich dem Braunen. Der staunte mich an wie ein Weltwunder.
Nur kurz war mein Traum. Gleich darauf kam nämlich eine höhere Charge - wohl ein Feldwebel-Leutnant. Mit allen Attributen einer starken Erregung ausgestattet, übergab er mir den Besen.
Schüchtern klang nur noch mein Protest: "nix mehr Gefangenes".
"Allons" - und schon war ich wieder glücklicher Inhaber des bewußten Besens.
Was sollte ich tun?
"Der Klügere gibt nach" - diese Weisheit gab mir den nötigen Elan - und so fegte ich denn treu und brav mein Appartement, brachte die "Toilette" in Ordnung und baute mein Bett.
Seitdem glaube ich nicht mehr recht an die französische Courtoisie.

Freistaat Flaschenhals

Loreley-Online, Stand: 25.09.2001, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler