Eroberung des Flaschenhalses.
Landrat Dr. Mülhens war im Februar 1923 ausgewiesen worden, und ich erhielt die
Aufforderung, den Landrat zu vertreten und gleichzeitig den Flaschenhals weiterzuführen.
Ich begab mich zur Regierung in Wiesbaden, die damals schon stark dezimiert war. Es war
eine Freude, zu erleben, wie ich in wenigen Minuten telephonisch von Berlin aus (trotz
telephonüberwachender Franzosen) zum wohlbestallten "Landratsersatz" des
Rheingaukreises ernannt war. Von Wiesbaden aus begab ich mich sofort nach Rüdesheim, um
die Zügel der Regierung zu übernehmen. Das war am Samstag, den 24. Februar 1923. Am
Sonntag, den 25. Februar 1923, wollte ich nach Lorch zurückkehren, per Fuhrwerk, weil ja
die Bahn stillgelegt war, und auch die Rheinuferstraße damals noch nicht für Autos zu
benutzen war. An diesem Sonntag nun sah ich vormittags, wie eine Kompanie brauner
Franzosen in Rüdesheim landete und sich alsbald in der Richtung nach dem Freistaat
Flaschenhals in Marsch setzte. Nichts Gutes ahnend, versuchte ich es, das Ziel der
französischen Truppen festzustellen. Zu dem Behuf setzte ich mich mit meinem Kollegen
Groß von Aßmannshausen in Verbindung, der mir denn auch nach kurzer Zeit die erfreuliche
Nachricht bringen konnte, daß er bei dem fanzösischen Truppenführer nachgeforscht und
von ihm erfahren habe, daß die Truppe lediglich einen Übungsmarsch längs der Grenze des
besetzten Gebietes unternehmen wolle. Ich könne, so meinte der Kollege, mir eine gute
Flasche leisten, denn der Freistaat sei wieder einmal gerettet. Aber ich traute dem
Landfrieden nicht ganz und bat ihn, auf die Franzosen ein wachsames Auge zu richten und
mich sofort zu benachrichtigen, wenn die Geschichte wider Erwarten schief gehen sollte.
Und wie rasch ging die schief! Kaum hatte ich mir die Freiheitsflasche bestellt,
da meldete Aßmannshausen schon, daß der Feind in den Freistaat Flaschenhals
einmarschiert sei.
Nun war guter Rat teuer; ich saß in Rüdesheim und die Franzosen rückten in
meinen Freistaat ein. Ich mußte nun versuchen, vor ihnen in Lorch zu sein, da ich unter
allen Umständen auf meinem Posten sein wollte, wenn der Franzmann in Lorch einzog.
Zunächst avisierte ich über die Blockstationen der Eisenbahn meinen Lorcher Mitbürgern
den ungebetenen Besuch; dann ging ich auf die Suche nach einem Auto, das mir schließlich
die Firma "Asbach" zur Verfügung stellte. Und nun mit Vollgas über die Höhen
nach Lorch, unter Umgehung des Feindes. Leider kam ich etwas zu spät, denn als ich, von
der Wisper kommend, in Lorch einfuhr, war der Stadtausgang bereits besetzt. Als ich zum
Rathaus kam, hatten sich dort die städtischen Körperschaften in erfreulicher Weise fast
vollständig eingefunden, ebenso die Beamten. Der französische Kreisdelegierte Armand
eröffnet uns nun, daß Frankreich beschlossen habe, den Flaschenhals zu besetzen, weil
Deutschland den Friedensvertrag nicht erfülle, und weil auch im Flaschenhals viel
Schmuggel getrieben würde.
Nun waren im Flaschenhals keine politischen Behörden, und ich war deshalb
vorsorglich beauftragt, nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Vertreter des
Reiches gegen die Besetzung Einspruch zu erheben. Das geschah denn auch prompt und
deutlich. In der gleichen Weise protestierten die städtischen Körperschaften recht
entschieden gegen die Besetzung. Auch die Beamten schlossen sich dem Protest an. Der
Bevölkerung hatte sich eine starke Erregung gemächtigt, und es bedurfte einiger
Überredung, um unsere Jugend vor aktivem Eingreifen gegen die Franzosen zu bewahren.
Freistaat Flaschenhals
Loreley-Online, Stand: 28.10.2002, Dipl. Ing.
(FH) Rudolf Reckenthäler