Gefangenschaft.
Die weitere Entwicklung kam wie überall. Die Ausführung französischer Befehle
wurde verweigert, und jäh endete meine Herrlichkeit als Landratsersatz und
Reichskommissar. Mit einer Eskorte von vier Mann wurde ich im Auto in den Bahnhof
gebracht, wo man mir in einem kleinen, abgetrennten Teil eines Büros einen gar schäbigen
Rest des Freistaates überließ. Immerhin erwies man mir noch die Ehrungen, die einer
gestürzten Größe zukommen, denn selbst bei der Befriedigung eines menschlichen
Bedürfnisses wurde ich von zwei mit Bajonetten bewaffneten Schwarzen eskortiert.
Am anderen Vormittag wurde ich zunächst nach Rüdesheim gebracht und über Mittag
dem Personal der Kreisdelegation zur Schau gestellt; da ich erklärt hatte, nicht
französisch zu sprechen, legten sich die Herrschaften keinen Zwang auf, und ich bekam so
allerhand niedliche und für mich wenig erfreuliche Dinge zu hören. Ein bescheidenes
Mittagessen mußte ich mir schließlich erkämpfen. Dann ging es nach Mainz, wo ich
Gelegenheit fand, die geschätzte sureté kennen zu lernen; mein größtes Verbrechen
scheint wohl der Kohlenraub gewesen zu sein, denn ich mußte in dieser Angelegenheit manch
neugierige Frage über mich ergehen lassen. Namentlich zeigte man lebhaftes Interesse für
meine Komplicen, ich konnte allerdings keine Auskunft geben. Dann ging's in Gefängnis.
Der Empfang dort war nicht überwältigend. Ich bat um Speise und Trank, da ich ja seit 36
Stunden, mit Ausnahme eines bescheidenen Essens in Rüdesheim, nichts zu mir genommen
hatte. Man verwies mich an die Wasserleitung, wo ich aus hohler Hand einige Schluck Wasser
trinken konnte; appetitlich war das gerade nicht, denn seit dem gestrigen Nachmittag hatte
ich keine Waschgelegenheit gefunden. Das war mein Nachtmahl, welches man selbst bei
einiger Phantasie nicht als üppig bezeichnen kann. Ich kam darauf in eine vollständig
verkotete Aufnahmestelle; eine Pritsche war das Bett und zum Zudecken diente eine dünne,
vor Schmutz starrende Kolter.
Ich habe in dieser Nacht nicht süß geträumt.
Am anderen Morgen bezog ich ein anderes Appartement, nämlich die Zelle 444. In
diesem, meinem "Wilhelmshöh" hatte ich reichlich Gelegenheit, über die
Vergänglichkeit alles Irdischen nachzudenken.
Freistaat Flaschenhals
Loreley-Online, Stand: 25.09.2001, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler