Der requirierte Kohlenzug.
Ein Husarenstückchen aus den ersten Wochen des passiven Widerstandes darf ich
hier einflechten: Die Bahn hatt die Losung ausgegeben, den Eisenbahnverkehr einzustellen
in dem Augenblick, in welchem sich eine französische Uniform auf einem Bahnhof erblicken
ließe, und so kam eine Bahnstrecke nach der anderen zum Erliegen.
Wir hatten hier noch einen bescheidenen Verkehr zwischen Niederlahnstein und
Rüdesheim.
Nun standen auf dem Bahnhof in Rüdesheim 23 Waggons schöner Ruhrkohle, die als
Reparationskohlen für Italien bestimmt waren: da rheinaufwärts der Verkehr von
Rüdesheim eingestellt war, blieben diese Waggons auf dem Bahnhof liegen. Damals herrschte
noch großer Kohlenmangel und man konnte es verständlich finden, daß sich die
Rüdesheimer auch einmal ganz gut in die Rolle der Sieger einlebten und versuchten, ihren
Bedarf an Hausbrand aus Reparationskohlen zu decken. Damit war aber nun die französische
Gendarmerie nicht einverstanden und sie postierte sich zum Schutze der Kohlen auf dem
Bahnhof in Rüdesheim. Da lief ein Personenzug von Niederlahnstein in Rüdesheim ein; die
deutschen Beamten sahen die französischen Uniformen und wollten schon den Laden zumachen;
sie erkundigten sich nach dem Grunde des Gesuches der Gendarmen und erfuhren ihn auch.
Jetzt kam den Eisenbahnern ein geradezu genialer Gedanke: Die Lokomotive des Personenzuges
wurde vor die Güterwagen gespannt und damit gings mit Volldampf in den Freistaat
Flaschenhals. Zwischenzeitig war bei mir angefragt worden, ob ich Bedarf an Kohlen hätte,
eine Frage, die ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; ob ich bereit sei, den Kohlenzug
anzunehmen? Auch dazu war ich bereit, nachdem ich mich vorher mit unseren zuständigen
Aufsichtsstellen in Verbindung gesetzt hatte, und nun kam der reiche Segen von
Reparationskohlen in den Freistaat Flaschenhals und ich verteilte brüderlich die Kohlen
in Lorch, Lorchhausen und Kaub. Eine Lokomotive stand uns nicht zur Verfügung und so
wurden denn die Waggons "per Hand" nach Lorchhausen und Kaub gedrückt - das war
eine Strecke von 6 Kilometern.
Der Tag des Kohlen-Empfangs aber war für uns ein Festtag erster Ordnung. Unsere
braven Eisenbahner aber fuhren mit ihrer Lokomotive zurück, setzten sie vor den
Personenzug und machten ihre letzte Fahrt nach Niederlahnstein. Zwischenzeitig aber hatte
die Niederlahnsteiner Besatzungsbehörde Kenntnis erhalten von diesem Vorgang, aber auch
unsere braven Eisenbahner hatten Wind bekommen, so ließen sie denn ihr Züglein vor
Niederlahnstein stehen und verschwanden blitzschnell über die Grenze des besetzten
Gebietes.
Freistaat Flaschenhals
Loreley-Online, Stand: 25.09.2001, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler