"Separischte"- Rummel.
Mit dem 1. Juli 1920 konnten die zuständigen Staats- und Gerichtsbehörden wieder
die Verwaltung der Gemeinden des Flaschenhalses übernehmen.
Damit war endlich eine Stimmung ausgelöst, die mit einem furchtbaren Druck
jegliche Lebensbetätigung des Flaschenhalses belastet hatte.
Der Freistaat Flaschenhals war ehrenvoll untergegangen. - - -
Nun, so hoffte man, sollte endlich eine bessere Zeit kommen. Noch aber mußte der
Flaschenhals bittere Zeiten durchmachen, wie wir bald sehen werden.
Denn bald zeigte sich wieder trübes Gewölk am politischen Horizont der
rheinischen Lande: Der Separatismus wühlte offen und insgeheim; sogar bei uns im
unbesetzten Gebiet versuchte man es, Flugblattpropaganda zu betreiben. Als ich die
Bürger- schaft auf dies gefährliche Treiben öffentlich hinwies und auch die Polizei
entsprechend verständigt worden war, kam eines Abends ein Schiffer zu mir, ein Hüne von
Gestalt. "Herr Bojemaschter," sagte er, "ich honn do gehört, daß
vielleicht auch Separischte no Lorch käme. Wann die komme, dann schickt de Anton
(Polizeibeamter) nitt so rasch. Loscht uns 1/4 Stund alla mit dene - dann kann de Anton
komme". Das viertelstündige tète-atéte mit unseren Lorcher Schiffern wäre den
"Separischte" nicht sehr gut bekommen und sie mieden dann auch künftig den
Freistaat Flaschenhals wie das Feuer.
Januar 1923 - der passive Widerstand war notwendig geworden und mit ihm entstand
wie der Phönix aus der Asche auch wieder der Freistaat Flaschenhals.
Diesmal hatten wir reichlich Erfahrung, so daß die Geschichte viel rascher ins
Geleise kam wie vorher.
Bald gab es reichlich Arbeit. Zunächst wurden die diplomatischen Beziehungen
wieder mit Limburg aufgenommen.
Dann kamen die ersten Ausgewiesenen aus Bingen, dem Hunsrück und von Boppard,
unter ihnen auch der wackere Bürgermeister Dr. Neff aus Bingen.
Die Ausgewiesenen wurden auf einem Schiff in den Freistaat Flaschenhals gebracht;
einige Kilometer oberhalb Lorchs ging das Schiff vor Anker, ein schmaler, langer Laufsteg
wurde ans Land gelegt und auf engem schwankendem Bord mußten die Ausgewiesenen mit ihrer
Habe an Land jonglieren. Dort standen sie nun gottverlassen. Die jetziger Rheinuferstraße
war damals noch ein entsetzlicher Feldweg. Auf diesem Weg mußten die Ausgewiesenen
mehrere Kilometer weit laufen, bis sie nach Lorch kamen. Hier wurden sie mit offenen Armen
aufgenommen und am anderen Morgen durch den Flaschenhals nach Limburg geschafft.
Auch die Steuerleute hatten in treuer Beobachtung der gegebenen Richtlinien ihre
wertvollen Dienste versagt. Das war für die französische Rheinschiffahrt eine recht
üble Situation: Steuerleute brauchte sie, und so wurden denn in St. Goar förmliche
Jagden auf die Steuermänner gemacht, die daraufhin nach allen Richtungen der Windrose
auseinanderspritzten.
So kam dann auch eines Tages ein ganzer Schwung der braven St. Goarer Steuerleute
hier an. Nachdem sie sich mit Speise und Trank gründlich gestärkt hatten - und welcher
rechte Steuermann hätte keinen Appetit - ging es per Leiterwagen nach Limburg.
Freistaat Flaschenhals
Loreley-Online, Stand: 25.09.2001, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler