Aloys Wilhelm Schreiber: Die Jungfrau auf dem Lureley 1818
In alten Zeiten ließ sich manchmal auf dem Lureley um die Abenddämmerung und
beim Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmutiger Stimme sang, daß alle, die es
hörten, damit bezaubert wurden. Viele, die vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder
im Strudel zugrunde, weil sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeugs achteten, sondern von
den himmlischen Tönen der wunderbaren Jungfrau gleichsam vom Leben abgelöst wurden, wie
das zarte Leben der Blume sich im süßen Duft verhaucht. Ein Sohn des Pfalzgrafen, der
damals in der Gegend sein Hoflager hatte, hörte die wundervolle Mär, und sein Herz
entbrannte in Liebe zu der Jungfrau. Unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, nahm er den
Weg nach Wesel, setzte sich dort auf einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die
Sonne war eben untergegangen und die ersten Sterne traten am Himmel hervor, als sich das
Fahrzeug dem Lureley näherte. "Seht sie die dort, verwünschte Zauberin, denn das
ist sie gewiß.", riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte sie aber bereits erblickt,
wie sie am Abhang des Felsenberges nicht weit vom Strom saß und einen Kranz für ihre
goldenen Locken band. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner
Sinne nicht mehr mächtig. Er nötigte die Schiffer, am Felse anzufahren, und, noch einige
Schritte davon, wollt er ans Land springen und die Jungfrau festhalten, aber er nahm den
Sprung zu kurz und versank im Strom, dessen schäumende Wogen schauerlich über ihm
zusammenschlugen.
Die Nachricht von diesem traurigen Begebnis kamen schnell zu Ohren des
Pfalzgrafen. Schmerz und Wut zerrissen die Seele des armen Vaters, der auf der Stelle den
strengsten Befehl erteilte, ihm die Unholdin tot oder lebendig zu liefern. Einer seiner
Hauptleute übernahm es, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen, doch bat sich aus, die
Hexe ohne weiteres in den Rhein stützen zu dürfen, damit sie sich nicht durch lose
Künste wieder aus Kerker und Banden befreie. Der Pfaltzgraf war dies zufrieden, und der
Hauptmann zog gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen den Berg, in einem
Halbkreis vom Rheine aus. Er selbst nahm drei der behertztesten aus seiner Schar und stieg
den Lureley hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von
Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer von fern kommen und rief ihnen zu, was sie hier
suchten. "Dich Zauberin", antwortete der Hauptmann. "Du sollst einen Sprung
in den Rhein dahinunter machen.". "Ei", sage die Jungfaru lachend,
"der Rhein mag mich holen." Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in
den Strom hinab und sang mit schauerlichen Ton:
"Vater, geschwind, geschwind,
Die weißen Rosse
schick deinem Kind,
Es will reiten mit Wogen und Wind!"
Urplötzlich rauschte ein Sturm daher; der Rhein erbrauste, daß weitum Ufer und
Höhen vom weißen Gischt bedeckt wurden; Zwei Wellen, welche fast die Gestalt von zwei
weißen Rossen hatten, flogen, mit Blitzesschnelle aus der Tiefe auf die Gruppe des Felsens
und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand.
Jetzt erst erkannte der Hauptmann und seine Knechte, daß die Jungfrau eine Udine
sei, und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben könnten. Sie kehrten mit der Nachricht zum
Pfalzgrafen zurück und fanden dort mit Erstaunen den totgeglaubten Sohn, den eine Welle
ans Ufer getragen hatte.
Die Lureleyjungfrau ließ sich von der Zeit an nicht wieder hören, ob sie gleich
noch ferner den Berg bewohnte und die Vorrüberschiffenden durch das laute Nachäffen
ihrer Reden neckte.
Geschichten und
Bilder rund um die Loreley
Loreley Online, Stand: 02-04-2002, Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler