XI. Das Mädchenlehen

Am Rheine blühen so viel Feste,
Wie Beeren an der Traube sind,
Zusammenbläst im kleinsten Neste
Aus jedem Himmelsstrich der Wind
Die Lustigen zur rechten Stunde,
Wo eine Fahne weht am Mast,
Und wo nicht allzuweit vom Spunde
Noch Platz für einen durst'gen Gast.
Die Alten haben's bald begriffen,
Wo er dann hängt, der grüne Kranz,
Und überall ist leicht gepfiffen
Den Jungen zum erwünschten Tanz.
Die ersten kommen früh am Tag,
Die letzten mit dem Vesperschlag,
Und wann sie wieder gehen,
Hat noch kein Mensch gesehen.
Ein Dörflein feiert seinen Heil'gen,
Da müssen im Dreimeilenkreis
Die nächsten zehn sich dran beteil'gen
Zu seinem größten Ruhm und Preis.
Von jeder Gilde wird zum Mehren
Des Handwerks ein Patron verehrt,
Und tun's die Schneider, so verehren
Die Schuster mit, und umgekehrt.
Die Fastnacht treibt ihr tolles Wesen,
Die Kirmeß bleibt so wenig aus
Wie Armbrustschießen, Traubenlesen
Und mancher frohe Kalandsschmaus.
Da heißt es nur: zu trinken denke!
Da geht mit Sang und Klang die Zeit,
An jedem Fasse steht ein Schenke,
Für jeden Mund ein Krug bereit.
Es könnte fehlen mal am Rhein
An weißem oder rotem Wein,
Doch niemals wirds gebrechen
An einem Grund zum Zechen.
So gab es denn in Sankt Goar
Auch manchen Freudentag im Jahr;
Doch einer war fast ohnegleichen
In seiner Art, es ließ sich dort
Für blankes Geld so viel erreichen
Wie kaum an einem andern Ort;
Denn wessen Beutel straff und voll
Von schweren rhein'schen Gulden schwoll,
Der konnte ohne weit zu laufen
Sich hier ein hübsches Mädchen kaufen.
Und das ging ganz in Ehren zu,
Das Geld kam in des Rates Truh
Aus Mitleid und Erbarmen
Zum Besten nur der Armen.
Es ward das Mädchenlehn genannt,
Und also war's damit bewandt.
Die Sitte wollt' es, daß im Städtchen
Sich die erwachsnen jungen Mädchen
Auf einem Platz zusammenfanden
Am Rhein, wo hohe Linden standen.
Dort wurden sie von Rates wegen
Im Aufstrich für das Meistgebot,
In barer Münze zu erlegen,
Einzeln verkauft, und strafbedroht
War jede, die sich dem nicht fügte,
Vielleicht voll Hochmut stritt und schwor,
Daß ihr der Kaufpreis nicht genügte;
Allein das kam fast niemals vor.
Und welche von den Schönen allen
Ein junger Mann sich hier erstand,
Der mußt' es unbedingt gefallen,
Daß sie ein Jahr sich ihm verband,
Mit keinem ohne sein Verstatten
Zu tanzen, als mit ihm allein,
Als wär' er ihr bestimmt zum Gatten
Und dürft' in Züchten um sie frei'n.
Vor aller Augen war ein Kuß
Des Handels Siegel und Beschluß;
Das Los entschied die Reihe,
Daß jeder Recht gedeihe.
Die Jungen waren und die Alten
Versammelt nun am Lindenplatz,
Den lust'gen Aufstrich abzuhalten
Um einen jährlich neuen Schatz.
Die Menge wogte hin und wider,
Man neckte sich mit Schimpf und Scherz,
Und ach! gepreßt im engen Mieder
Schlug manch ein bangend Mädchenherz.
Bestrebt war jede von den Schönen,
Dem von den jungen Bürgerssöhnen,
Dem sie am liebsten wär' zu eigen.
Im besten Lichte sich zu zeigen.
Still seufzend wußt' um ihr Geschick
Manch eine kaum sich zu gedulden,
Und deutlich winkte manch ein Blick,
Nur nicht zu geizen mit den Gulden.
»Hast Geld?« frug eine dann und wann,
»Kriegst mich gewiß nicht billig heuer.« 
»Strengt euch nur mal ein wenig an!
Die Blonden, sagt man, würden teuer.« 
»Gottlob! dich werd' ich heute los,
Das Jahr ist um, wir dürfen scheiden!« 
»Schön Dank! die Freude war nicht groß,
Mag deinen Trotz ein andrer leiden!«
Und eine rief mit hellem Lachen:
»Mich soll's doch wundern, ob dir's glückt,
Den deinen wieder fest zu machen,
Der dich halbtot in Armen drückt.« 
»Vielleicht mach' ich es so wie du
Und steck' ihm, was ich habe, zu,
Daß, wenn's mit seinem Geld nicht stimmt,
Er meines mit zu Hilfe nimmt.« 
So ging das Sticheln kreuz und quer,
Die Pfeile schwirrten hin und her.
Auch mancher Junggeselle schaute
Den andern an mit Eifersucht,
Doch jeder hoffte und vertraute
Auf seines eignen Beutels Wucht.
Der Arme mußte ja dem Reichen,
Wenn er sein Nebenbuhler war,
Beim Handel um die Liebste weichen,
Vertröstet auf das nächste Jahr.
Und manches hübsche Mädchen hätte
Sich gern den Ärmeren erwählt,
Hätt's diesem bei Bewerb und Wette
Nur nicht am Nötigsten gefehlt.
Allein hier ging's ums bare Geld,
Der Reichste war der größte Held,
Da half nicht Herzensneigung,
Nicht Huld noch Gunstbezeigung. 
Zur rechten Zeit begann der Spaß.
Des Rats gewitzter Schreiber saß
Sichtbar erhöht um ein paar Stufen
An einem Tisch, da traten dann,
Mit Los und Namen aufgerufen,
Die Mädchen nach der Reih heran,
Daß jedes von der Käufer Schar
Ringsum bequem zu sehen war.
Nun war der Aufstrich flott im Gange,
Doch unterschiedlich war der Preis,
Bald ging es rasch, bald währt' es lange,
Je nach der Bieter größerm Kreis.
Die hübschen wurden hoch getrieben,
Nicht hübsche gingen billig fort,
Der Hammer fiel, und aufgeschrieben
Ward es vom Schreiber Wort für Wort.
Doch manche fand auch ein gediegen
Namhaft Gebot mit Recht und Fug,
Die ihren wahren Wert verschwiegen
Im Herzen statt im Antlitz trug.
Die eine kam zu ihrem Glücke
An den just, den sie sich ersehnt,
Die andre schalt des Schicksals Tücke
Und hätte gern sich aufgelehnt.
Doch ob mit Lust, ob mit Verdruß,
Sie gab dem Käufer seinen Kuß
Und mußte nun im ganzen
Ein Jahr lang mit ihm tanzen.
Lurlei war manchmal schon versteigert
Wie jedes andre Mädchen auch
Und hatte niemals sich geweigert,
Zu tun, was Sitte war und Brauch.
Doch diesmal kam's ihr ungelegen;
Mit Unlust, die sie tief empfand,
Sah ihrem Schicksal sie entgegen,
Daß sie ein Fischerssohn erstand,
Wenn Er nicht noch herüber käme,
Der ihres Herzens Lehensherr,
Und sie als höchster Bieter nähme
Aus diesem Hin- und Hergezerr.
Sie hofft' es, hochmutsvoll gelüstet,
Und hätte vor der ganzen Schar
Sich gar zu gern damit gebrüstet,
Daß Graf Lothar ihr Käufer war.
Sie wußt' es wohl, in der Gemeinde
War ihr die Freundschaft dünn gesiebt,
Sie hatte Neider, hatte Feinde,
Ward mehr gemieden, als geliebt.
Jedoch ein Dutzend Freier stritten
Sich immer noch um ihre Huld,
Indem sie ihre Hoffahrt litten
Mit unerschöpflicher Geduld.
Die warteten jetzt nur darauf,
Daß Lurlei käme zum Verkauf,
Denn jeder wollt' im Lehen
Meistbietend sie erstehen.
Sie aber blickte unverwandt
Zum Ufer hin und auf den Rhein,
Ob nicht der Liebste stieg' ans Land,
Ihr Helfer in der Not zu sein.
Doch wie sie auch sich sehnt' und bangte,
Er nahte nicht, die Zeit verstrich,
Der flehentlich von ihr Verlangte
Ließ sie an diesem Tag im Stich.
So merkte sie es selber kaum,
Daß dort, gelehnt an einen Baum,
Ein Fremder stand, der ernst und stumm,
Nicht achtend auf den Lärm herum,
Zu ihr nur schaute immerdar,
Als riet' er, was in ihr sich regte,
Und weil auch ihre Schönheit gar
Vielleicht sein männlich Herz bewegte.
Er war gewachsen nach der Schnur,
Von hoher, kräftiger Statur,
Gehüllt in schlichte Jägertracht,
Doch seiner dunklen Augen Macht
Und etwas Kühnes im Gesicht
Ließ den Betrachter bald erkennen,
Ein Knecht und Frönling war er nicht,
Wußt' ihn auch niemand hier zu nennen.
Er trug ein langes Schwert zur Linken,
Die Gogel über Haupt und Hals
Und sprach, als man ihn frug beim Trinken,
Er wär' ein Jäger aus Kurpfalz.
Man hatt' ihn gestern schon gesehen,
Wie er am Rhein hin einsam strich,
Und ließ ihn kein Verhör bestehen,
Auf welchen Wildes Spur er schlich. 
Ein neues Los, und – »Lurlei!« rief
Der Schreiber laut; Gerede lief
Von Mund zu Mund. »Nun passet auf!
Die kriegt das Höchstgebot im Kauf, –
»Das Doppelte wie unsereine, –
»Ist ja die Schönste auch am Rheine! –
»Und dünkt in ihrem Übermut
Für jeden Käufer sich zu gut, –
»Da müssen zwei zusammenlegen,
Sich in sie teilen Tag um Tag –
»Und beiden brächt' es keinen Segen,
Weil sie mit keinem tanzen mag, –
»Doch an den Kuß muß sie nun glauben –
»Sie gibt ihn nicht, – »man muß ihn rauben.« 
Wie alle Hoffnung sie verlor,
Schritt Lurlei zu den Tisch empor,
Und alles schwieg, als ob ihr Wille
Allein erzwänge tiefe Stille.
Der Schreiber sprach. »Wer bietet an?«
»Zehn Gulden!« scholl es aus dem Kreise,
Doch schüchtern klang es nur und leise;
»Zwölf! dreizehn!« riefen andre dann,
So daß es munter vorwärts ging.
Ein Freier nach dem andern fing
Zu bieten an, die Zahlen stiegen
Stets höher noch, der Kampf ward heiß,
Es mochte keiner unterliegen,
Und jeder wagte Preis auf Preis.
Doch als sie über dreißig kamen,
Da boten ihrer nur noch zwei,
Und diese beiden letzten nahmen
Sich auch schon volle Zeit dabei.
Um Lurleis stolze Lippen schwebte
Ein Lächeln voller Spott und Hohn,
Bis ihre Hoffnung sich belebte
Bei einer trauten Stimme Ton,
Die plötzlich aus der Menge drang,
Zur Rettung ihr entgegen sprang.
Als Zacharias Ohnesorge
Bei Robert Herpels Steigern schwieg,
Weil leider, ohne daß er borge,
Der Satz sein Haben überstieg,
Und nun der Schreiber, Roberts Zahl
Ausrufend schon zum zweiten Mal,
Den Hammer hob an Tisches Kante, –
Da bot, der Lurlei Schwester nannte,
Bot Heinrich über. Alles staunte.
»Der Bruder ist's! der Bruder?« raunte
Es rings, »das ist doch unerhört!
Dann hat sie selber ihn betört,
Hat ihn, wer weiß womit, bestimmt,
Daß er sie und kein andrer nimmt.«
Auch Robert ward es schwül und schwer,
Er bot darüber, Heinrich mehr,
Robert noch eins, doch Heinrich auch,
– Man hört' im Kreise keinen Hauch –
Robert bot vierzig! Streich auf Streich
Rief Heinrich einundvierzig! gleich.
Da blieb es still, da gab den Kauf
Robert in bösem Ärger auf.
Doch Lurlei ward es dabei leicht,
Auch ohne Grafen war's erreicht;
Heinrich in liebevollem Sinn
Gab sein Erspartes für sie hin,
Sie von dem Zwange zu befrei'n,
Tanzliebchen wider Willn zu sein.
Da war sie schnell mit ihm versöhnt,
Aus ihrem Herzen war verpönt
Mit einem Schlag der Groll auf ihn,
Und alles war ihm nun verziehn.
Jetzt ward es ihr auch endlich klar,
Daß doch er ohne Liebste war.
Auf keine sonst hatt' er geboten,
Bis ihr Verlegenheiten drohten;
An ihr nur hielt er fest, der Treue,
Und nun empfand sie selber Reue,
Wie bös sie ihm aus Eifersucht
Begegnet in der Angelbucht.
Sie nickt' ihm innig freundlich zu,
Als spräche sie: du Lieber, du!
Wie will ich ohne Schranken
Dir für dein Opfer danken! 
Doch als von seines Sitzes Stufen
Zum ersten und zum zweiten jetzt
Der Schreiber das Gebot gerufen
Und schon den Hammer angesetzt,
Da kam es von den Linden tönend:
»Hier fünfzig Gulden für die Maid!«
Wer sprach's? wer rief's? wer bot es höhnend?
Der Fremde war's im Jägerkleid.
Nun trat er näher, sprach und lachte:
»Fünfzig zum ersten! Niemand mehr?«
Und als es niemand höher brachte,
»Schlagt zu! und gebt das Mädel her!«
Zunächst empfing ihn dumpfes Schweigen,
Weil sich verwundernd jeder sann:
Wer ist, dem so viel Geld zu eigen,
Der übermüt'ge Jägersmann?
Den Heim'schen stieg es in die Krone:
»Was? einem Fremden nachzustehn?
Nichts da! nur einem Bürgerssohne
Kommt zu die Schönst' im Mädchenlehn!
Ins Burschband mit dem Vogelfreien!
Ein Fremder hat hier kein Gebot!«
Unbändig Toben ward und Schreien,
Der Weidmann wurde schwer bedroht.
Doch er blieb ruhig, ließ sie rasen,
Sah steif sie an, hielt hoch das Haupt
Und sprach, als sich der Sturm verblasen
Und man zu reden ihm erlaubt:
»Ich rat' euch nicht, das Recht zu beugen,
Ihr hättet sonst gebrochen Schwert,
Denn gegen euch einst könnt' ich zeugen,
Wenn eure Stadt ihr Recht begehrt.
Wer Käufer ist, ob hier geboren,
Ob kommend mit zerrissnem Schuh,
Sein Meistgebot bleibt unbeschoren; –
Duckmäus'ger Schreiber, schlage zu!«
Die Stimme klang gebietrisch, mächtig,
Und herrisch war des Blickes Glut;
Sie wurden fügsam und bedächtig,
Ihr Widerspruch verlor den Mut.
Der Schreiber ließ sich mehr nicht bitten,
Der Hammer fiel, dem Fremden galt's.
»Fünfzig zum ersten, – zweiten, – dritten!
Lurlei dem Jäger aus Kurpfalz!«
Und Lurlei kam die Stufen nieder,
Im Angesichte flammend Rot, –
»Herr, laßt mich meinem Bruder wieder,
Der einundvierzig für mich bot!«
»Nein!« riefen nun die schnell Geeinten,
»Jetzt geht das Schicksal seinen Gang!«
Sie wollten nicht, daß, wie sie meinten,
Die List mit Heinrich ihr gelang.
Laut auf jedoch der Jäger lachte:
»Dein Bruder? hätt' ich das gewußt!
Ein gut Gebot, das ich da machte
Dafür, daß du mich küssen mußt!
Jetzt hilft es nichts; komm her, du Holde!
Ich zahle für dich blank und bar
In klingend neugeprägtem Golde,
So glänzend wie dein üppig Haar.
Gib mir den Kuß getrost und heiter,
Damit du deine Pflicht erfüllst,
Dann scheiden wir, ich ziehe weiter,
Magst kosen dann, mit wem du willst!
Und sehn wir uns in spätern Tagen,
Wirst einen Tanz du sicher nicht
Dem Jäger aus Kurpfalz versagen
Bei Sonnen- oder Kerzenlicht.«
Goldgulden auf dem Tische klangen,
Rot blühte Lurleis Wangenrund,
Der Jäger hielt sie fest umfangen
Und küßte heiß sie auf den Mund.
Und als er dann zu gehn sich schickte,
Grüßt' er mit Freundlichkeit die Schar
Und schritt dahin, und es erblickte
Ihn niemand mehr in Sankt Goar.
Zu Ende ging das Mädchenlehn,
Wie's jährlich pflegte zu geschehe,
Jedwede kam zu einem Schatze,
Leer ward's allmählich auf dem Platze,
Und froh mit Heinrich Hand in Hand
Auch Lurlei aus der Menge schwand.
Ihr war es wunderlich zumut,
Nie, deucht' ihr, war sie ihm so gut;
Ihm blieben samt den Gulden
Der Schwester Lieb' und Hulden.

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler