XII. Der Lehnstag

Graf Dieter Katzenellenbogen
Saß auf der größten Burg am Rhein,
Und seiner Grafschaft Grenzen zogen
Sich weit herum ins Land hinein.
Streng hielt er die von ihm Belehnten
Als Zwing- und Schirmherr unter Bann,
Rheinzölle hatt' er, Zins und Zehnten
Von Bauer und von Rittersmann.
Auf Rheinfels mußten sie erscheinen,
Ein jeder an bestimmtem Tag,
Mit ihren Gülten, großen, kleinen,
Nach Pflichtgebot und Lehnsvertrag.
Sie hatten Korn und Wein zu bringen
Und Vieh und Fische, Huhn und Ei,
Auch Hausgerät und Eisenklingen
Und seltner Dinge mancherlei;
Auf vierbespanntem Ochsenwagen
Zaunköniglein an seidnem Band,
Maikäfer und, im Kampf zu tragen,
Zwei Harnischhandschuh' linker Hand.
Gewöhnlich ward der Tag zum Feste
Mit seiner Wirte würd'gem Glanz,
Geladen wurden edle Gäste
Zu frohem Spiel, zu Schmaus und Tanz.
Die Bürger Sankt Goars entsandten,
Sich ihrer Dienstbarkeit bewußt,
Zum Lehnsherrn ihre Amtsverwandten
An einem Sonntag im August.
Ein Meister trug aus jeder Gilde,
Die Brust behängt als ihr Genoß
Mit seines Handwerks Wappenschilde,
Die Gaben seiner Zunft aufs Schloß.
Der Bürgermeister aber führte
Den Hofeszug, und üblich war's,
Daß man auch eine Jungfrau kürte,
Um Namens aller Frau'n Goars
Als ihrer Huld'gung sichtlich Zeichen
Der Gräfin einen Blumenstrauß
Mit einem Sprüchlein darzureichen
Aus eignem Herzen frisch heraus.
So oft die Wahl auf sie gefallen,
War sie von Lurlei abgelehnt,
Doch diesmal ward sie unter allen
Am meisten von ihr selbst ersehnt.
Ihr schien der eine Tag im Jahre
Wie keiner dazu angetan,
Sich dem erlauchten Elternpaare
Lothars auf hohem Schloß zu nahn.
Sie hoffte, daß beim Niedersteigen
Sie Braut des Grafensohnes hieß,
Wenn überhaupt dann nach dem Reigen
Die Gräfin sie noch von sich ließ.
Es ward gestillt auch ihr Verlangen,
Sie ward erwählt und Peter auch,
Den größten Lachs, den man gefangen,
Dem Herrn zu zolln nach Pflicht und Brauch. 
Der Lehnstag kam, und Lurlei schickte
Sich festlich an, trug ein Gewand,
Daß Dankmod, als sie es erblickte,
In fragender Verwundrung stand.
War von lavendelblauer Seide,
Mit Gold durchwirkt und wohl vereint
Fleischfarbig hellem Unterkleide,
Gestickt die Borten und besteint.
Es hob den Wuchs, umschloß die Glieder
In schönen Linien rund und knapp,
Floß reich umgürtet, schillernd nieder,
Die Ärmel hingen tief herab.
»Vom Grafen hab' ich es bekommen,«
Sprach sie zu Dankmod kurz heraus,
»Großmutter hat es angenommen,
Du warst gerade nicht zu Haus.« 
»Von Graf Lothar?« frug Dankmod weiter,
»Und was gabst du ihm dafür hin?« 
»Den Dank, den wohl ich dem Bereiter
So großer Freude schuldig bin.« 
»Lurlei, was soll ich davon denken?
Denn Ritter, die aus vollen Truhn
Staatskleider einem Mädchen schenken,
Die wissen auch, wofür sie's tun,«
Sprach Dankmod sorgenvoll und wandte,
Verdacht im Herzen, sich hinaus
Zu Peter, dem sie scheu bekannte,
Was sie befürchte für ihr Haus.
Lurlei begriff, in welche Lage
Sie das Geschenk Lothars gebracht,
Und welchen Vorwurf mit der Frage
Mißdeutend Dankmod ihr gemacht.
Lothar war schuld! ein kurz Erklären
Hätt' allen Argwohn weggefegt,
Den mußte jetzt ihr Schweigen nähren,
Das ihr der Zaudrer auferlegt!
Doch zu sich selber sprach sie lachend:
»Habt nur Geduld! Der Tag vergeht
Nicht ohne daß ihr Augen machend
Des Rätsels beste Lösung seht!« 
Den Bürgermeister an der Spitze,
Zur Linken Lurlei mit dem Strauß,
Ging nun zum hohen Grafensitze
Der Zug aus Sankt Goar hinaus,
Und gaffend wogte durch die Gassen
Neugierig Volk, der Meister Schar
An sich vorüber ziehn zu lassen,
Wie's sich begab von Jahr zu Jahr.
Und alle sahen mit Erstaunen
Auf Lurleis köstliches Gewand,
Daß, wie sie kam, ringsum ein Raunen
Und Reden über sie entstand.
Die einen rühmten, schier betroffen,
Des Mädchens Schönheit in dem Kleid,
Die andern doch verrieten offen
Darüber Eifersucht und Neid.
»Wie mochte dazu sie gelangen? –
»Wie sie sich bläht! – hochnäsig Ding! –
»Will einen Junker wohl sich fangen? –
»Wenn sie nur keiner damit fing!«
So zischelt' es auf beiden Seiten;
Lurlei trug lächelnd ihr Geschick
Und hatt' in ihrem stolzen Schreiten
Für all die Neider keinen Blick.
Der Zug erstieg in kurzer Dauer
Den Weg bergan zum Schloß und stand
Geordnet vor der Außenmauer,
Wo er das Tor geschlossen fand.
Doch Peter schwang, um auszuholen,
Hoch seinen großen Lachs empor,
Mit dessen Schwanz er auf die Bohlen
Drei starke Schläge tat ans Tor.
Die Art, den Einlaß zu begehren
Am Lehnstag, früher Zeit entstammt,
Der Gilden ältester zu Ehren,
War ihres Meisters Recht und Amt.
Nach Frag' und Antwort klang der Riegel,
Die Flügel wurden aufgetan,
Und mit Verlaub nach Brief und Siegel
Vollführte sich des Zuges Nah'n.
Auf Brücken und durch Innentore,
Durch Wälle, Höfe zum Portal,
Treppauf dann und durch Korridore
Ging's in den großen Rittersaal.
Hier waren Herren schon und Damen
Von ritterlichem Stand zu Gast,
Als feierlich die Bürger kamen
Mit ihrer Gift und Gaben Last.
Sie schlossen sich zu halbem Kreise,
Lurlei inmitten, nah der Tür,
Und der Wohledle und Wohlweise,
Der Bürgermeister trat herfür
Und sprach, wie er es oft erprobte
An dieser Stelle, schlank und glatt;
Graf Dieter dankte und gelobte
Gern Schutz und Schirm der treuen Stadt.
Ein Herr war's, dem der Jahre Fülle
Nur leicht auf Haupt und Schultern lag
Und dem ein unbeugsamer Wille
Aus vornehm ernsten Zügen sprach.
Er drückte Mefried Beiderlinden
Für seine Rede warm die Hand
Und frug nach Handwerk und Befinden
Manch einen an des Saales Wand.
Die Gülten nahm der Burgvogt alle,
Herr Hund von Saulheim, in Empfang
Und legte sie dem Seneschalle
Auf Tafeln vor im Bogengang.
Die Meister wurden auf das beste
Bewirtet dann mit Weck und Wein,
Und freundlich ließen auch die Gäste
Sich ins Gespräch mit ihnen ein.
Lothar nur hielt sich ihnen ferne,
Kam nicht erfreut auf Lurlei zu;
Sie sah, er schaut' in andre Sterne,
Und sah's auf Kosten ihrer Ruh.
Beim Aufmarsch schon der Abgesandten
Bemerkte man, daß sich sofort
Von jung und alt die Blicke wandten
Nach jener schönen Jungfrau dort
Mit den goldglänzend blonden Haaren,
Die heut den Strauß in Händen trug,
Und jeder suchte zu erfahren,
Wer sie wohl sei, und forscht' und frug.
Jetzt ward umringt sie von den Jungen,
Und mancher sagt' ihr ins Gesicht,
Daß ihre Schönheit ihn bezwungen;
Nur einer, einer nahte nicht.
Sie schritt zur Gräfin nun; im Gange
Schlug ihr jedoch das Herz so laut,
Daß hilfesuchend erst und bange
Sie nach Lothar sich umgeschaut.
Den aber fesselte noch immer
Dasselbe Fräulein fort und fort,
Das mit verklärtem Augenschimmer
Andächtig lauschte seinem Wort.
Sich tief vor Gräfin Agnes neigend
Besann sich Lurlei ihrer Pflicht
Erregung und Verwirrung zeigend
Und sagt' ihr Sprüchlein kurz und schlicht. 

»Frau'n und Mädchen von Sankt Goar
Bringen Euch dienstlich Grüße dar,
Wünschen von Herzen treu ergeben
Euch Gesundheit und langes Leben
Und erflehn des Himmels Segen
Aller Zeiten, aller Wegen
Eurem gnadenreichen Haus;
Des zum Zeichen nehmt den Strauß!
Und er sei in Eurer Hand
Hohen Glückes Unterpfand,
Das in Euren Hulden winkt
Der, die Euch zu Füßen sinkt!« 

Der letzte Satz verklang so leise,
Daß ihn die Gräfin kaum verstand,
Die schnell in ihrer güt'gen Weise
Die Knie'nde aufhob an der Hand.
Sie sprach, nachdem sie angenommen
Den bandgeschmückten Blumenstrauß:
»Dank, liebe Lurlei! sei willkommen!
Und oh! wie herrlich siehst du aus!
Gold im Gelock und Gold im Kleide, –
Bist du vielleicht ein Feenkind?
Gab zauberkräftig dir die Seide
Ein Elfe, der dir wohlgesinnt?«
Lurlei, die ahnungslosen Fragen
Sich günstig deutend und darob
Erschrocken doch, fand nichts zu sagen
Auf ihres Aussehns schmeichelnd Lob.
Jetzt winkend zu den Gästen blickte
Die Gräfin, aber als sie sah,
Daß die's nicht merkte, der sie nickte,
Rief sie hinüber. »Gisela!«
In Lurlei wollte schier erlahmen
Herzschlag und alle Lebensspur,
Als ob ein Blitz mit diesem Namen
Aus heiterm Himmel niederfuhr.
Sie hier im Schloß!? – und alles drehte
Sich wohl um sie? – doch welche war's?
Da kam sie – ha! – dieselbe, stete,
Die Unzertrennliche Lothars!
Ein lieblich Mädchen, braun von Haare,
Schlank und von seiner Züge Schnitt,
Mit einem samtnen Augenpaare
Und langen, dunklen Wimpern, schritt
Auf Lurlei zu mit raschem Fuße
In einem schwebend leichten Gang
Und bot mit anmutvollem Gruße
Die Hand ihr freundlich zum Empfang.
Lurlei, in feindlich dunklem Triebe,
Reicht' ihre kaum; die Herrin sah's
Und sprach: »'s ist Gräfin Schönburg, liebe!
Die ich zu nennen dir vergaß.
Sieh, Gisela, dies Fischermädchen!«
Fuhr sie dann fort, »es heißt gemein,
Daß sie die Schönste sei im Städtchen,
Ach nein! die Schönst' am ganzen Rhein.
Ich glaub's; hast du im Röm'schen Reiche
Schon jemals solch ein Haar gesehn?«
Dabei ließ sie die Hand, die weiche,
Durch Lurleis goldne Wellen gehn.
»Fräulein, die Gräfin liebt zu scherzen,
So sehn nicht Fischermädchen aus,«
Sprach Gisela mit frohem Herzen,
»Auf welcher Burg seid Ihr zu Haus?«
»Da hast du's, Lurlei!« fiel mit Lachen
Die Gräfin Agnes wieder ein,
»Wahr ist's, daß Kleider Leute machen,
Schaust wirklich wie ein Burgfräulein!«
Lurlei war zweifelnd und verlegen,
Ob ihr denn hier ein Spott geschah,
Und konnte doch des Irrtums wegen
Nicht böse sein auf Gisela.
Sie kämpfte, ob sie's sagen sollte,
Jetzt, hier, mit freiem, stolzem Mut,
Daß auch in ihren Adern rollte
Halb Grafen- und halb Königsblut.
Allein ein bitterer Gedanke
Fuhr augenblicks ihr durch den Sinn
Und stellte sich als feste Schranke
Vor die Entdeckung warnend hin.
Dann mußte sie die Mutter nennen
Und was ihr diese offenbart
Von ihrer Herkunft und bekennen,
Daß sie nur halb von Menschenart.
Und dies Geheimnis, hier enthüllet,
Hätt' all' im Saale, die's gehört,
Mit Grau'n vorm Nixenkind erfüllet
Und jede Hoffnung ihr zerstört.
Da fühlte sie zum ersten Male
Den Schatten, der am hellen Tag
Wie grauer Nebelduft im Tale
Spukhaft auf ihrem Leben lag.
Es stand gleich einem mildumflossnen,
Süßsanften Veilchen Gisela
Vor ihr, der üppig aufgeschlossnen,
Doch dornumstarrten Rose, da.
Der dunkelblauen Augen Scheinen
Sah froh und freundlich in die Welt,
Und in der Brust der Jugendreinen
War alles klar und glückerhellt.
Sie aber, schuldlos auch, umstrickte
Das Schicksal mit geheimem Leid,
Und wie auf Gisela sie blickte,
Wuchs ihr im Herzen Haß und Neid.
Doch Antwort gab sie auf die Frage,
Auf welcher Burg sie denn zu Haus.
»Ihr irrt; aufwuchs ich wie im Hage
Die frischen Blumen hier im Strauß
In eines Fischers Haus und Garten,
In Berg und Tal und Waldesgrün,
Und wie die Blumen darauf warten,
So freut auch mich des Frühlings Blühn.« 
Jetzt nahte sich dem kleinen Kreise
Langsam und zögernd Graf Lothar
Und grüßte ritterlicherweise
Lurlei, die tief errötet war.
Er schwieg jedoch zu Boden sehend,
Weil er, der sonst so weltgewandt,
Wie unter einem Drucke stehend
Nicht gleich die rechten Worte fand.
»Du kennst die Perle unsrer Sassen?«
Frug Gräfin Agnes ihren Sohn.
»Ja,« sprach er lächelnd und gelassen,
»Mich dünket fast, ich sah sie schon.«
»Dich dünket fast? mich will bedünken,
Wer sie ein einzig Mal gesehn,
Dem kann ihr Bild niemals versinken,
Nie ganz aus dem Gedächtnis gehn.
Man sagt von ihr, sie könnte singen
Mit einer zaubrischen Gewalt,
Daß Vögel lauschen, Fische springen
Und Menschen staunen, wenn's erschallt.«
»Kein Zweifel,« sprach er glatt und fließend,
»Daß schön auch singt so schöner Mund!
Man hat mit Aug' und Ohr genießend
Dann zur Bewundrung doppelt Grund.
Man sagt auch, daß sie mit Gesange
Schon weidlich manchen Mann betört,
Den sie nach so getanem Fange
Doch nicht in Gnad' und Gunst erhört.«
Bei diesem angestimmten Tone
Sah Lurlei groß und fremd ihn an,
Doch als sie zum verdienten Lohne
Beinah die Antwort schon begann,
Macht' ihr Lothar geschwind ein Zeichen,
Zu schweigen, bat mit leisem Wort
Das Fräulein, ihm die Hand zu reichen,
Und führte Gis'la mit sich fort.
Lurlei war vor den Kopf geschlagen,
Im innersten Gefühl empört
Und mußte wie betäubt sich fragen,
Ob sie denn wirklich recht gehört.
War das Lothar, der so gesprochen,
Wegwerfend, kränkend, obenhin,
Ihr hoffnungsglühend Herz durchstochen
Mit fadem Wort und schnödem Sinn?
Im Walde konnt' er sich nicht trennen
Von ihr, da hielt ihn jedes Haar,
Und hier, hier wollt' er sie nicht kennen,
Verleugnete sie ganz und gar?
Und ging mit Gisela von hinnen
In flüsternder Vertraulichkeit –?
Doch länger drüber nachzusinnen
Ließ Gräfin Agnes ihr nicht Zeit.
Sie sprach zu ihr. »Lurlei, o singe
Uns hier ein Lied nach freier Kür
Und fordre selber als Gedinge
Dir jeden Preis und Lohn dafür!«
Lurlei durchfuhr's: – der Eltern Segen.
Wenn sie sich dafür schnell entschied!
Gelegenheit kam ihr entgegen, –
Die Grafenkrone für ein Lied!
Allein nach dem, was vorgegangen,
War's denn Lothar noch drum zu tun,
Der Eltern Segen zu erlangen
Zum Bund mit ihr? Und wenn auch nun,
Würd' ihr das Wunder jetzt gelingen?
Und wär's dem Liebsten recht gemacht?
Doch um geringern Preis zu singen,
Mit einem Spielmannslohn bedacht, –
Niemals! Sie schlug die Wimpern nieder
Und bat. »Erlaßt mir's, hohe Frau!
Denn mir versagen Ton und Lieder
Vor so viel strenger Augen Schau.«
Graf Dieter aber, der's vernommen,
Sprach mild. »Oh quäle Lurlei nicht;
Dazu ist sie nicht hergekommen,
Das ist nicht ihre Lehenspflicht.
Hast recht, du schöne Maid, zum Singen
Gehört des Herzens freie Lust,
Was kämpfen will und Sieg erringen,
Das kommt von selber aus der Brust.«
Was kämpfen will? – sie wollte kämpfen,
Und der Geliebte war der Preis!
Darum des Herzens Wünsche dämpfen,
Weil man das Zauberwort nicht weiß?!
Kampf! – nun erst recht! sie wollt' es wagen,
Vielleicht im Sange lag der Sieg;
Im Liede konnte sie es sagen,
Was ringend ihre Brust verschwieg.
»Herr Graf, Frau Gräfin,« sprach sie plötzlich
Mit mutiger Entschlossenheit,
»Wenn's Euch genehm ist und ergötzlich,
Bin ich zu einem Lied bereit!«
Sie dankten ihr, Graf Dieter führte
Sie selber zum Hochsitz an der Wand,
Und stolz, als ob ihr's so gebührte,
Schritt sie dahin an seiner Hand.
Verwundert sahen all' im Saale
Nun zu der Herrlichen hinan,
Und stille ward's mit einem Male,
Als Lurlei ihren Sang begann. 

Es pirscht' im Forst alleine ein junger Jägersmann,
Am Born auf moos'gem Steine traf er ein Mägdlein an.
Gleich saß er bei ihr nieder, gleich nahm er sie in Arm,
Sie litt's und küßt' ihn wieder mit Lippen, rot und warm. 
»Du sollst die Krone tragen, du bist die Schönst' im Land,
Sollst mit mir reiten und jagen, sollst haben köstlich Gewand.
Laut will ich für dich zeugen, du meines Lebens Stern!
Es solln vor dir sich beugen die Ritter und die Herrn.« 
»Daß Gott! ach hab' Erbarmen, du reicher Königssohn!
Und treibe mit mir Armen nicht eitel Spott und Hohn.
Wenn um sich seine Großen dein Vater stolz vereint,
Werd' ich in Turm gestoßen, wo Sonn' und Mond nicht scheint.« 
»Nein, nein! du wirst alsbalde mein herzenstraut Gemahl,
Ich hole dich aus dem Walde zum goldnen Hochzeitssaal.
Ich schwör's beim fließenden Rheine, drin Well' auf Welle geht,
Und bei dem höchsten Steine, der über der Tiefe steht!« 
Es harrte nun in Bangen auf ihren Schatz die Maid,
Es klopfte vor Verlangen ihr Herz in Lust und Leid.
»Weh, wenn sein Wort er bräche, nichtswürdig und verrucht!
Ich träte hin und spräche: Verräter, sei verflucht!« 
Doch was er ihr am Bronnen gelobt als ihr Genoß,
Das hielt er treu gesonnen auf seiner Väter Schloß.
Und als sie einst zum Rande des Wassers kamen hin,
Da war er König im Lande, und sie war Königin. 

Hinreißend hatte sie gesungen
Mit süßem Klang, mit voller Kraft,
Und bald auch war der Ton durchdrungen
Von tief verhaltner Leidenschaft.
Als sie ihr wuchtig Lied beendet,
Ging ein Gemurmel durch die Reih'n,
Und lauter Beifall ward gespendet,
Lothar nur stimmte nicht mit ein.
Er nahte nicht, zog rasch besonnen
Sie nicht zu seinen Eltern hin:
Hier ist die Maid vom Waldesbronnen
Und meines Herzens Königin!
Ach nein! sie hatt' umsonst gesungen;
Der Stimme sehnsuchtsvoller Klang
Hatt' allen hier das Herz bezwungen,
Nur dem nicht, dessentwilln sie sang. 
Graf Dieter trat ihr froh entgegen,
Gleichgültig nahm sein Lob sie hin,
Doch keines Argwohns leises Regen
Kam ihm in seinen stolzen Sinn.
Der Gräfin aber stieg mit Schmerzen
Bei der gesungnen Mär Verlauf
Aus ahnungsvollem Mutterherzen
Die triftige Vermutung auf,
Daß Lurleis Lied nicht bloße Märe,
Und daß die Maid am Waldesborn
Vielleicht die Sängrin selber wäre,
Die in betrogner Hoffnung Zorn
Dem Königssohn – ach! ihrem Sohne,
Auf den allein ihr Sang gezielt,
Das Lied von der verheißnen Krone
Als Spiegel vor die Seele hielt.
Auffallend war Lothars Benehmen
Vorher bei Lurlei dort im Saal,
Kaum wollt' er sich dazu bequemen,
Sie zu erkennen; aschefahl
Stand er nun da, herüber schielend
Verstörten Blicks, in Angst und Groll
Erregt an seinem Dolche spielend,
Die Lippe nagend unruhvoll.
Wie? hatt' er ihr die Eh' versprochen?
War er's, der ihr das Kleid geschenkt,
Ihr Treu geschworen, dann gebrochen,
Unendlich Leid ins Herz gesenkt?
So sorgte sie; denn niemals söhnte
Sie sich mit einem Treubruch aus,
Allein ein Fischermädchen krönte
Kein Bischof doch im Grafenhaus.
Sie ging zu Lurlei, ihr zu danken;
Mit schwer beklommenem Gefühl
Hielt sie sich in gemessnen Schranken,
Ihr Lob war karg, ihr Dank war kühl.
Doch als sie ihr den Rücken wandte
Und Lurlei tief betroffen stand,
Kam, als ob sie ein Engel sandte,
Gis'la, ein Kelchglas in der Hand.
»Heil, Lurlei, Eurem schönen Singen!«
Begann sie lächelnd, freundlich schlicht,
»Mir wollte schier das Herz zerspringen,
Vor Weh, vor Lust, – ich weiß es nicht.
Kommt, netzt die liederfrohen Lippen!
Herzlich kredenz' ich Euch den Trank,
Und grüßlich will ich daran nippen,
So wohl Euch, liebe! Heil und Dank!«
Die Augen strahlten ihr so innig,
Die Lippen lächelten so hold,
Sie bot so anmutvoll und sinnig
Des edlen Weines flüssig Gold,
Daß Lurlei es im Herzen spürte
Und niederkämpfend ihren Gram,
Weil Gis'las Liebesgruß sie rührte,
Das volle Kelchglas dankend nahm.
Derweil sie trank, sprach jene leise.
»Und wißt Ihr, was aus Eurem Sang
Vor allem mir mit Wort und Weise
Am tiefsten in die Seele drang?
Das war das Los der Maid am Bronnen;
Ich sah und hörte sie so klar
Und fühlte mit ihr Weh und Wonnen
Ganz so, als ob ich's selber war.
Als käm' ich aus dem Wald gegangen
Hier auf das Schloß und vor den Thron..
Der Eltern Segen zu empfangen
Zum Bunde mit dem Königssohn.«
Das Glas in Lurleis Händen bebte,
Und sie erschrak im Herzensgrund,
Ein Zug von Schalkheit aber schwebte
Um Gis'las roten Mädchenmund.
»Ich könnt' Euch schon ein Wörtlein sagen,«
Sprach sie, im Antlitz helle Glut,
»Macht Euer Lied zu frischem Wagen
Vielleicht doch einem andern Mut.
Hört in geheim –« »Nein, nein! nicht hören!«
Rief angstvoll Lurlei, »seht Euch vor!
Was Königssöhne heimlich schwören,
Ist nicht für Fischermädchens Ohr!«
Die junge Gräfin schwieg, erschrocken
Vor Lurleis Blick und raschem Wort,
Da war die mit den blonden Locken
Auch schon von ihrer Seite fort.
Lurlei, sich durch die Gäste windend,
Sah sich noch um ein einzig Mal
Und schlüpfte, bald den Ausgang findend,
Still, ohne Abschied aus dem Saal. –

Am Schloß an einer scharfen Ecke
War eine ragende Bastei
Und hier auf eine weite Strecke
Der Blick stromauf, stromunter frei.
Da vor ihm lag in großem Bogen
Voll Herrlichkeit das breite Tal,
Wie sich die grünen Berge zogen,
Der Strom sich wand im Sonnenstrahl.
Und dicht an felsgetragnen Zinnen
War eine hohle Bank von Stein,
Da saß in träumerischem Sinnen
Lurlei jetzt einsam und allein.
Grausam enttäuscht von diesem Tage,
Den sie ganz anders sich gedacht,
Saß sie nun hier in stummer Klage,
Verzweifelnd an der Liebe Macht.
Sie hatte hoch sich aufgeschwungen,
Sich Schlösser in die Luft gebaut
Und noch dem Lied, das sie gesungen,
Viel andre Wirkung zugetraut.
Nun aber hatte mit dem Sange
Der andern Hoffnung sie geweckt,
Die ihr aus eignem Herzensdrange
Die Liebe zu Lothar entdeckt.
Wird, treu dem Schwur, er widerstehen
Der Eltern Willen, der die Braut
Ihm ausgewählt, wenn er gesehen,
Daß Gisela auf ihn vertraut?
Noch hoffte sie's; er hatt' ein Zeichen,
Heut noch zu schweigen, ihr gemacht,
Hielt vor den Gästen wohl, den reichen,
Die Werbung übel angebracht.
Sie war ein Fischermädchen eben
Trotz ihrem prächtigen Gewand
Und durfte nie den Schleier heben
Von ihres Wesens wahrem Stand.
Das war es, was sie niederdrückte,
Der Fluch, daß halb sie Nixe war
Und nichts den Abgrund überbrückte,
Als ihre Liebe zu Lothar.
Ward sie sein Weib, so floß ihr Leben
Dahin auf menschlich freier Bahn,
Dann konnte sie die Flügel heben
Vom Wasser auf gleich einem Schwan.
Dann konnte sie das Glück ergreifen,
Und ihres Ursprungs dunklen Zwang
Wie eine Fischhaut von sich streifen,
Daß ihn Vergessenheit verschlang.
Sie bog das Knie herab zur Erde, –
»Verlassen sein muß schrecklich sein,
Wenn aber ich verlassen werde,
Ist's mehr als Tod und Höllenpein.
Lothar halt' aus! nimm mich zum Weibe,«
Sprach sie mit zuckendem Gesicht,
»Daß ich nicht ewig Nixe bleibe!
Lothar! Lothar, verlaß mich nicht!«

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler