XIII. Am Königsstuhl zu Rhense

Zu Lahnstein war in der Kapelle
Der faule Wenzel abgesetzt,
Weil an des Reiches höchster Stelle
Er jede Herrscherpflicht verletzt.
Und rufend ging in die vier Winde
Vom Königsstuhl Drompetenschall:
Kurfürsten ihr, herbei geschwinde
Zur Wahl mit Lehnsmann und Vasall,
Des Amtes feierlich zu walten
Hier unterm freien Himmelszelt,
Zu küren für des Purpurs Falten
Nun einen neuen Herrn der Welt!
Es stellten sich die Erzbischöfe
Von Mainz, von Köln, von Trier ein,
Es ließen ihre Fürstenhöfe
In Heidelberg Pfalzgraf am Rhein,
In Nürnberg Friederich von Zollern,
Der Burggraf, und vom Sachsenhaus
Stieß Herzog Rudolf zu den Grollern,
Der Böhme blieb wohlweislich aus.
Die sechs jedoch mit ihrem Trosse,
Geistlich und weltlich, waren nun,
Zu Schiff gekommen und zu Rosse,
Versammelt, ihre Pflicht zu tun.
Am Königsstuhl zu Rhense streckte
Das Lager sich in weitem Ring,
Wo Zelt bei Zelt den Boden deckte
Und Schild bei Schild am Speere hing.
Doch offen war's, kein Wall umhegte
Den Zutritt sperrend das Gefild,
Und was sich alles drin bewegte,
Bot ein sehr mannigfaltig Bild.
Man sah gefürstete Prälaten
Mit ihres Klerus ganzem Heer,
Kapitelherren, Stiftslegaten
Und Klostervolk wie Sand am Meer.
Zahllos die Ritter, Knappen, Knechte,
Gerüstet wie zu Kampf und Jagd,
Und aus manch adligem Geschlechte
Fräulein und Frau'n mit Bub' und Magd.
Das wirbelte, das wogt' und wallte
Durchher in treibendem Gewirr,
Der Stimmen dumpfes Brausen schallte,
Gewieh'r, Gestampf und Stahlgeklirr.
Die Harnische, die Waffen blinkten,
Die Fähnlein flatterten im Frei'n,
Von Helmen und von Hüten winkten
Zimier und Federn, Strauß und Stein.
Aufwand und Schmuck, wohin man spähte,
An Frauenkleid und Männertracht,
An Zaumzeug und Turniergeräte,
Ganz überschwenglich war die Pracht.
Und was nie mangelte bei Festen,
Zuzug von Fahrenden war da,
Als ob nach Nord, Süd, Ost und Westen
An sie der Königsruf geschah.
Die Wanderzunft der freien Singer,
Der Spielleut lockre Brüderschaft,
Die Tänzer und geschwinden Springer,
Die Gaukler mit der Riesenkraft,
Sie zeigten, bunt bekränzt die Stirnen,
Vor hoch und niedrig ihre Kunst,
Und lächelnd gaben schmucke Dirnen
Nicht allzu teuer ihre Gunst.
Von Händlern boten ganze Scharen
In Buden oder aus der Hand
Heilmittel schreiend aus und Waren,
Krimskrams und vielbegehrten Tand.
Garküchen waren aufgeschlagen,
Wein war herangefahren, Wein,
Als sollte nicht in dreißig Tagen
Der neue König fertig sein.
Und ringsum lagerte zum Schauen
Und zog heran und wuchs und schwoll
Von fern und aus den Nachbargauen
Unzählig Volk, erwartungsvoll.
Sie stiegen über Bergeskämme,
Sie setzten über Strom und Tal,
Es trafen sich die deutschen Stämme
Aus jeder Grenzmark bei der Wahl.
Sie hoben sich und tauchten nieder
Und drängten, Mann und Weib und Kind,
Sich Kopf an Kopf daher, dawider
Wie reifes Ährenfeld im Wind.
Darüber ragte, wie von Wogen
Des aufgeregten Meers umrauscht,
Der Königsstuhl mit seinem Bogen,
Von einem ganzen Volk umlauscht.
Aus Sankt Goar auch war zur Stelle
Die Hälfte der Bewohnerschaft
Und hatt' auf einer Hügelwelle
Mit ihrer Ellenbogen Kraft
Sich Platz erkämpft, bequem gelegen,
Und zwischen Königsstuhl und Rhein,
Wo wenig Raum war zum Bewegen,
Dem neu Erwählten nah zu sein.
Zu ihnen hielten als Gefährten,
Die sich an Strom und Berg und Au
Von Bacharach bis Boppard nährten
Im langgestreckten Trechirgau.
Auch Sandrogs waren hergekommen,
Die ganze Sippe, Mann und Maus,
Christinens Kind nicht ausgenommen,
Und nur Salvete blieb zu Haus.
Sie standen nah genug dem Ringe,
In dem das große Werk geschah,
Daß jeder, wenn es vor sich ginge,
Auch alles klar und deutlich sah.
Und Lurleis Falkenaugen trogen
Sie nicht, sie hatt', empor gereckt,
Die Grafen Katzenellenbogen
Mitsamt den Schönburgs bald entdeckt.
Und wieder standen wie zwei Flammen
Auf einem Herd und reich geschmückt,
Lothar und Gisela zusammen
Und schienen beide sehr beglückt.
Mißtrauisch lugte sie hinüber
In eifersücht'ger Grübelei,
Und ihr Gesicht ward immer trüber,
Je heitrer waren jene zwei.
Jetzt meldeten Posaunenklänge
Der Handlung Anfang; langsam nur
Entrollte sich des Zuges Länge
Auf menschenüberströmter Flur.
Herold voran und Bannerträger,
Im Wappenrock des Reiches Aar,
Trabanten, Bläser, Paukenschläger,
Marschälle, Knappen, Höflingsschar.
Der Kirchenherren lange Reihen
In goldgewirktem Meßgewand
Mit allen Zeichen höchster Weihe,
Den Krummstab in beringter Hand.
Dann kamen die erlauchten Kürer
In Scharlachmänteln und daran
Den edlen Hermelin, ihr Führer,
Der Kurfürst-Erzbischof Johann.
Dann tausend Ritter und Vasallen,
Endloser Klerus hinterdrein,
Der psalmodierend ließ erschallen
Gesang in mönchischem Latein.
Der Zug in feierlicher Weise
Umwandelte den Mauerkranz
Und stellte sich in weitem Kreise
Ums Bauwerk auf im Sonnenglanz.
Des Reichs berufne Wähler stiegen
Zum Königsstuhle jetzt empor,
Die Bläser und die Sänger schwiegen,
Der Erzbischof von Mainz trat vor
Und fleht', es möge ihrem Tagen
Gott seinen Segen nicht entziehn,
Und alle, all die Tausend lagen
Mitbetend stumm auf ihren Knien.
Urkunden wurden dann verlesen,
Des Throns verlustig ward erklärt
Der Böhme, der mit Tun und Wesen
Als König übel sich bewährt,
Und daß im heil'gen Röm'schen Reiche
Mit ihm zu Ende die Geduld,
Damit er einem Bessern weiche,
Das walte Gott in seiner Huld!
Nun saßen flüsternd in der Runde
Die sechs auf dem erhöhten Mal,
Ein Name ging aus ihrem Munde, –
Es war der Augenblick der Wahl.
In tiefer, atemloser Stille
Blieb alles Volk und harrte nur,
Daß Gottes und der Fürsten Wille
Kund würde nach vollbrachter Kur.
Da schmetterten Trompetenstöße,
Und weit umher die Mahnung drang,
Daß männiglich das Haupt entblöße
Vor des Erwählten Namensklang.
Der Reichsherold beschritt die Stufen
Und setzte Kraft und Lungen ein,
Als deutschen König auszurufen
Kurfürst Ruprecht, Pfalzgraf am Rhein.
Und sturmgetragner Jubel tönte
Bis zu der Menge fernstem Teil,
Erschütternd donnerte und dröhnte
Der Ruf: Heil, König Ruprecht! Heil!
Nun an des Königsstuhles Brüstung
Trat der Gewählte, mantellos,
In strahlend goldner Ritterrüstung,
Echt königlich und heldengroß.
Und wie er dankend sich verneigte,
Scholl's aus den Reihen Sankt Goars,
Als er sein Antlitz ihnen zeigte:
»Der Jäger aus Kurpfalz!« – Er war's,
Den kürzlich bei dem Mädchenlehen
In Sankt Goar am Lindenstand
Als höchsten Bieter sie gesehen,
Verkappt als Weidmann, fremd im Land.
Hilf Himmel! Der, den sie gescholten,
Als käm' er ihnen nicht mal gleich,
Den sie ins Burschband sperren wollten,
Der war der erste nun im Reich!
Vor allen Mädchen doch und Frauen
War Lurlei stolz, daß dem Gelüst
Sie nachgab, hoch umher zu schauen.
Mich hat der König selbst geküßt!
Mit glänzendem Gefolge wallte
Durchs Lager König Ruprecht hin,
Und ihm auf Schritt und Tritt erschallte
Glückwunsch zu seines Ruhms Beginn.
Dann rheinwärts zu dem kurzen Gange
Schuf man ihm eine Gasse frei,
Daß er zu seinem Schiff gelange,
An Lurleis Standort dicht vorbei.
Lurlei durchbohrte das Gehege
Der vor ihr Stehenden und wand
Sich schmiegsam durch, bis vorn am Wege
Sie in der ersten Reihe stand.
In Hoheit kam daher geschritten
Mit manchem gnäd'gen Aufenthalt,
Anhörend vorgetragne Bitten,
Des Königs leuchtende Gestalt.
Schon war er nah, und Lurlei glaubte,
Er hätte sie bereits erkannt
Und ihr, soviel's die Würd' erlaubte,
Ein huldvoll Lächeln zugesandt, –
Da teilte drüben sich die Menge,
Begleitet von den Seinen, brach
Graf Dieter durch Gewühl und Enge,
Verneigt' auf's tiefste sich und sprach:
»Mein König! Heil auf allen Wegen!
Erfüllt die erste Bitte mir,
Gebt diesem Brautpaar Eurer Segen
Als seines Bundes höchste Zier!«
Und sieh! vor König Ruprecht knieten
Lothar und Gis'la Hand in Hand,
Und mit der Augen Glanz verrieten
Sie ihrer Herzen hellen Brand.
Ein Aufschrei, Mark und Bein durchdringend
Gellt' in die feierliche Ruh,
Der Löwin gleich, nach Beute springend,
Flog Lurlei auf den König zu.
Nun aber schien ihr zu versagen
Die Stimme, denn es zuckt' ihr Mund,
Wie Funken, aus dem Stein geschlagen,
Flammt' es in ihres Auges Grund.
Den nächsten, die es sahn im Kreise,
Entsetzen durch die Glieder rann;
Der König frug in milder Weise.
»Lurlei, was ist? was ficht dich an?«
Sie zeigte, noch nicht Worte findend,
Auf Graf Lothar vor dichten Reih'n,
Und sich gewaltsam überwindend
Schrie sie heraus. »Der Mann ist mein!!
Mir, mir hat er die Treu geschworen
Beim Höchsten, was es irgend gibt,
Ich bin's, die er zum Weib erkoren
Und die ihn selber heiß geliebt!«
Sprachlos vor Zorn und Schrecken waren
Die beiden Eltern und die Braut,
Schnell hatte sich in großen Scharen
Gefolg' und Volk zum Ring gestaut,
In dessen freigelassner Mitte
Nun König Ruprecht stand und sann,
Als hielt' er selbst nach alter Sitte
Hier ein Gericht im Königsbann.
»Ich stelle, Graf Lothar, die Frage
An Euch jetzt,« sprach er würdevoll,
»Was sagt Ihr zu des Mädchens Klage?
Sprecht Wahrheit ohne Furcht und Groll!«
Lothar doch schlug die Augen nieder
Und schwieg, sein Angesicht war bleich.
»Seht Ihr's? er schweigt!« rief Lurlei wieder,
»Laßt mich ihn angehn, Herr, vor Euch! –
Laut, Graf Lothar, will ich Euch fragen,
Als hörte mich die ganze Welt:
Wer war's, der seit des Frühlings Tagen
Dem Fischermädchen nachgestellt?
Wer suchte sie auf allen Wegen,
Im Waldesdunkel und am Rhein?
Wer wußte schlau sie zu bewegen,
Im Boot zu fahren ihn allein?
Wer hielt unlöslich sie gebunden
Mit seines Zauberlichtes Strahl
In eben jenen nächt'gen Stunden
Im Wasser noch, zu ihrer Qual?
Wart Ihr's nicht, der aus Hinterpforten
Von seiner Burg geschlichen kam
Und mir mit glatten Höflingsworten
Mein arglos Herz gefangen nahm?« 
Sie hörten staunend Lurlei sprechen
Und blickten streng und horchten scharf,
Als sie dem Grafen das Verbrechen
Der Zauberei ins Antlitz warf.
Der fühlte die Gefahr und sagte;
»Ich weiß von keinem Zauberlicht;
Wenn einer sich zum andern wagte
Mit Hexenkünsten, – ich war's nicht!«
»Wohl ich?!« rief sie mit Händeringen,
»So denkt an jene Vollmondsnacht,
Da ich, um Euch Bescheid zu bringen,
Hinüber kam und mit Bedacht
Euch frug vor unserm ersten Kusse:
›Wie steht's mit Gräfin Gisela?‹
Wißt Ihr es noch, was im Verdrusse
Ihr rundweg mir erwidert da?
Denn mich nur hättet Ihr erkoren
Als Eures Herzens Ehgemahl,
Und das, das habt Ihr mir geschworen
Nicht einmal, – zehnmal, tausendmal!
Ihr rieft den Rhein dabei zum Zeugen
Und jede Welle, die drin fließt,
Eh würden sich die Sterne beugen,
Schwurt Ihr, eh daß Ihr mich verließt!
Und nun? hahaha! –« mit lautem Krachen
Schlug sie sich vor die Stirn dabei,
Und aus dem aberwitz'gen Lachen
Brach der Verzweiflung Herzensschrei.
Der König spracht »Herr Graf, Ihr schweiget
Nach alle dem? Euch ist vergönnt,
Daß Ihr uns Eure Unschuld zeiget
Und Euch verteidigt, wenn Ihr könnt!«
Als wäre jetzt der Bann gebrochen,
Der auf ihm lag, begann Lothar:
»Herr, was die Jungfrau hier gesprochen,
Ist, ich bekenn' es, wörtlich wahr.«
Bewegung wogte durch die Massen
Bei diesem inhaltschweren Wort,
Lothar doch wußte sich zu fassen
Und fuhr mit fester Stimme fort:
»Ja, Herr! ich hab' ihr Treu geschworen
Und habe Lurlei sehr geliebt,
Gleichviel, ob niedrig sie geboren,
Ob sie ein Herzogtum vergibt.
Von ihren Reizen hingerissen,
Sah ich nicht an ihr dürftig Kleid
Und wollte von nichts anderm wissen,
Als mein zu nennen diese Maid.
Bald aber kam mit ernstem Mahnen
Mir selber die Erkenntnis bei,
Was ich dem Blute meiner Ahnen
Und meinem Schilde schuldig sei.«
»Nicht ebenbürtig Eurem Range
War' ich?!« brach Lurlei rasch hervor;
Doch Ruprecht sprach. »Du schweigst so lange!
Jetzt hat der Graf des Königs Ohr.«
Lothar fuhr fort, auf Gis'la zeigend:
»Vor diesem edlen Frauenbild,
Sich mir in Huld und Anmut neigend,
Vor diesen Augen, sanft und mild,
Erlosch die Glut, die nur noch spärlich
In meinem Herzen Nahrung fand,
Weil etwas, das mir unerklärlich,
Schon zwischen mir und Lurlei stand.
Rot ist ihr Mund, süß ihre Minne,
Ihr Antlitz schön, und hold ihr Leib,
Doch schrecklich stieg es mir zu Sinne, –
Herr, sie ist kein natürlich Weib!
Gesehen hab' ich's und erfahren:
In ihrer Augen Flackerschein
Und unter diesen goldnen Haaren
Muß Unholdskraft verborgen sein.
War sie mir an die Brust gesunken
Hingebungsvoll und hochbeglückt,
Schien sie von Lust und Liebe trunken,
Ganz aufgelöst, der Erd' entrückt,
Dann traf wie aus dem Hinterhalte
Mich oft mit ungezähmter Gier
Ein böser Blick, der mich umkrallte,
Und dann, – dann graute mir vor ihr!«
»Dir graute? Dich ergriff ein Zagen?
O tapfrer Held! weißt du, wovor?«
Rief Lurlei wild, »ich will dir's sagen:
Dir klang mein Racheschwur im Ohr!
Es ist mein Fluch, vor dem du zitterst,
Denn ich erfülle meinen Eid,
Und weil du das Verderben witterst,
Wirst du nun blaß vor meinem Leid.
Du hast die Treue mir gebrochen,
Genarrt, betrogen hast du mich!
Das sei gerichtet und gerochen, –
In Höllengrund verfluch' ich dich!
Fluch deinen Tagen, deinen Nächten,
Ob du nun wandelst oder ruhst!
Und Fluch von allen dunklen Mächten
Dem, was du denkest oder tust!
Fluch jedem Trunk, der dir befeuchtet
Die Lippe, wenn sie Durst gefühlt!
Fluch allem Lichte, das dir leuchtet,
Und Fluch dem Schatten, der dich kühlt!
So sei verflucht in Ewigkeiten,
Verworfen du und dein Geschlecht,
Getilgt von dieser Erde Breiten,
Verflucht mit Weib und Kind und Knecht!«
Da murrten sie, da ward ein Toben,
Sie drängten zu in blinder Wut,
Die Hände schon nach ihr erhoben:
»Ins Feuer mit der Hexenbrut!«
Sie schützend vor des Volkes Grimme,
Das laut nach Gottesurteil schrie,
Gebot des Königs mächt'ge Stimme:
»Zurück! ich hab' ein Recht auf sie!«
Lothar sprang vor, riß aus der Scheide
Sein Schwert, in manchem Streit versucht,
Daß niemand täte was zu Leide
Der, die soeben ihn verflucht.
Doch Lurlei, furchtlos und verwegen
In ihrem grenzenlosen Zorn,
Trat kampfbereit dem Volk entgegen
Und stand nun selber trotzig vorn.
Sie heischte Ruhe, knirscht' und drohte
Das Goldhaar schüttelnd im Genick,
Und herzdurchbohrend blitzt' und lohte
Geschliffnem Dolche gleich ihr Blick.
Dann lachte sie voll Hohn und Tücken:
»Was rieft ihr? Hexe? hahahaha!«
– Kalt lief es jedem übern Rücken –
»Jawohl! das bin ich! hahahaha!
Nehmt euch in acht! ich könnt' euch grüßen
In einem schauerlichen Sinn,
Ihr läget zitternd mir zu Füßen,
Wollt' ich euch sagen, wer ich bin!
Ihr seid mir alle tief erbärmlich
Mit eurer Welt voll Trug und Neid,
Dies Menschenleben, öd und ärmlich,
Fort werf' ich's, ein verschlissen Kleid.
Dein Kuß, o König, war der letzte,
Den ich empfing von Menschenmund;
Was mich auf Erden trieb und hetzte,
Begrab' ich auf des Rheines Grund.
Doch an mich denken sollt ihr lange,
Ich zahl' euch aus, was euch gebührt!
Und jetzt – Platz da zu freiem Gange!
Und wehe dem, der mich berührt!«
Da wichen sie in breiter Zeile
Vor ihr zurück voll Schreck und Grau'n,
Und stolz schritt sie hindurch in Eile,
Wie eine Königin zu schau'n,
Die nach bezwungner Volksempörung
Nun unerbittlich streng verfährt
Und keine Gnade noch Erhörung
Den Todverdammten mehr gewährt.
Und eine dumpfe Ahnung war es,
Die alle sorgenschwer umfing,
Daß jetzt hier etwas Wunderbares
Und Ungeheures vor sich ging.
Nur Heinrich trat ihr kühn entgegen;
Sie riß sich los, – ein einz'ger Blick,
»Lebwohl!« – unfähig sich zu regen,
Sah er sie enden ihr Geschick.
Am Strome hob sie beide Hände
Und rief: »Ich komme! nimm mich auf!«
Da braust' es gegen das Gelände,
Die Wogen schlugen dran hinauf
Wie aufgewühlt zu hohem Schwunge
Von Grund aus auf die Uferbank,
Und Lurlei stürzte sich im Sprunge
Zum Rhein hinunter und versank.
»Lurlei!!« erscholl es in der Runde,
Durchbrach des starren Schweigens Bann,
Kam jauchzend wie aus einem Munde, –
Sie blickten sich erschrocken an;
Wer rief es? – all die tausend hatten
Die Lippen nicht einmal bewegt;
Da war's, als hätt' ein eis'ger Schatten
Sich jedem auf das Herz gelegt.
Sie strömten hin und blieben stehen,
Und manch ein Blick am Wasser hing,
Wo nun auf Nimmerwiedersehen
Lurlei in Wellen unterging.

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler