XV. Lothar

Nun war es Sommer gewesen,
Längst war zum neuen Wein
Die letzte Traube gelesen
Im herbstlichen Sonnenschein.
Rasch kürzer wurden die Tage,
Falb war und welk das Laub,
Die spätesten Blumen im Hage
Sanken entblättert zu Staub.
Feuchtkalte Nebel hingen
Im Tal und auf dem Rhein,
Tiefschleppende Wolken gingen
Schwerfällig ins Land hinein.
Anhaltend schlackernder Regen
Den grauen Himmel umspann,
Daß es auf Wegen und Stegen,
Von Bergen und Felsen rann.
Verschleiert schaute nieder
Burg Katz auf Fluß und Forst,
Mit triefendem Gefieder
Ein Falk auf nassem Horst.
Und unter ihrem Dache
Lothar und Gisela,
Im dämmrigen Gemache
Trübselig saßen sie da.
Zwei Monde waren verstrichen
Seit ihrem Hochzeitsmahl,
Und schon war ihnen erblichen
Des Glückes warmer Strahl.
Die Gräfin saß im Erker,
Sah traurig ins Tal hinab
Wie aus vergittertem Kerker
Auf ihrer Hoffnung Grab.
Der Graf, der saß beiseite
Mißmutig am Kamin,
Daß ihm der Brand der Scheite
Das finstre Gesicht beschien.
Er saß, das Haupt in Sorgen
Schwer auf die Hand gestützt,
Ein Schuldner, dem kein Borgen
Und kein Verschreiben nützt.
Es drückt' ein frostig Schweigen
Sich an den Wänden entlang,
Nur daß im Sinken und Steigen
Das Feuer summt' und sang,
Die aufgeschichteten Kloben
Prasselnd fielen zuhauf
Und knisternde Funken stoben
Den weiten Rauchfang hinauf.
Der Graf starrt' in das Feuer;
Aus Flammen und Rauch hervor
Tauchten ihm Abenteuer,
Gesicht' und Bilder empor.
In wehenden Feuerflocken
Sah er ein schmerzvoll Haupt,
Umflattert von goldnen Locken,
Das Antlitz von Asche bestaubt.
Der Flammen Züngeln und Saugen,
Der Kohlen Glimmen und Glühn
Mahnt' ihn an ein Paar Augen
Und ihrer Blicke Sprühn.
Und wenn er dann, geblendet
Vom langen ins Feuer Sehn,
Den Blick ins Dunkle gewendet,
So sah er ein Weib dort stehn,
Die Arme sehnend, suchend
Ihm weit entgegen gestreckt
Oder ihn wild verfluchend
Zornwütig empor gereckt.
Er wußt' es wohl, wer lohend
Im Feuer sich vor ihm wand,
Er wußt' es auch, wer drohend
Im Dunkeln hinter ihm stand.
Wie langsam ihm versanken
Die trägen Stunden im Haus.
Niemals aus den Gedanken
Kam Lurlei ihm heraus.
Er sah sie auch allnächtig
Im Traum, die schöne Gestalt
Holdselig, liebesmächtig
Mit all ihrer Reize Gewalt.
Im Mondlicht sah er sie weben
Und bei der Sterne Glanz,
In Lüften fahren und schweben
In gaukelndem Elfentanz.
Und wenn mit leisem Säuseln
Der Wind die Burg umschlich,
In welker Blätter Kräuseln
Durch hohe Wipfel strich,
So glaubt' er auch zu hören
Nachts ihren süßen Gesang,
Er hätte mögen schwören,
Daß vor dem Fenster es klang: 

Der Mond ist voll, der Mond ist hell,
Nun komm heraus, mein Trautgesell,
Daß wir uns heiß umfassen.
Mir gehn die Augen her und hin,
Ob ich denn gar so einsam bin,
Kann ja von dir nicht lassen. 
Es tanzt im Nebel auf den Höh'n.
Es summt ein lieblich Waldgetön,
Es leuchten Pilz und Farren.
Im Tale doch ein Bächlein rauscht,
Wo Liebe nur auf Liebe lauscht,
Da will ich deiner harren. 
Der Mond ist hell, der Mond ist voll,
Ich weiß nicht, wie ich leben soll,
Weil ich an dich nur dachte.
Wir sind zu lange schon getrennt,
Oh komm herab! die Sehnsucht brennt,
Nach deinen Küssen ich schmachte. 

Lothar im weichen Flaume
Krümmt sich und windet sich
Und seufzt und lallt im Traume:
»Ich komme, – wart' auf mich!«
Dann fährt er auf vom Pfühle
Mit schreckverstörtem Sinn,
Mit dumpfem Schmerzgefühle
Und horcht zum Fenster hin.
Ihn dünkt, er hört ein Klopfen
Mit Fingern heimlich, sacht,
Ist's Wind? sind's Regentropfen?
Doch sternhell ist die Nacht.
Es fließt im Dämmermatten
Wie weißer Wolken Zug,
Es huscht vorüber ein Schatten
Wie leiser Eulenflug.
In mürrischem Ruhverlangen
Wirft sich herum der Graf,
Doch kaum hat ihn umfangen
Der unterbrochne Schlaf,
Kommt wieder auch auf Schwingen
Die geisterhafte Mär,
Das Segeln und das Singen
Vorm Fenster hin und her. 

Es flüstert im Schilf, es wispert im Rohr:
»Wo ist dein Liebster geblieben?
Und warum versperrt er dir Riegel und Tor?
Er muß ja noch immer dich lieben!« 
So rauscht es in Wellen, so säuselt's im Tann,
Es singen's die Vögel in Zweigen;
O lieber, du hoher, du herrlicher Mann,
Du kannst es allein nicht verschweigen! 
Schnell öffne das Pförtchen und laß mich herein!
Ich komme geschlichen auf Zehen,
Ich will dich umhalsen, umwinden, umfrei'n,
Dir sollen die Sinne vergehen. 
Mir nahte noch nimmer und nirgendwo
Je deinesgleichen im Leben
Mit Augen, so strahlend, mit Lippen, so froh,
So mutig im Nehmen und Geben. 
Der Minnigste bist du, der Schönste von all'n
Mit ritterlich siegenden Armen,
Oh laß dir mein Herzen und Scherzen gefall'n,
Schließ auf! hab' endlich Erbarmen! 

Es rüttelt und zieht den Grafen
Zu neuer Qual empor,
Die schmeichelnden Töne trafen
Ganz deutlich an sein Ohr.
's ist Lurleis Glockenstimme,
Er kennt sie nur allzu gut,
Die herzensgefährliche, schlimme,
Und ihm wird schwer zumut.
Er weiß sich's nicht zu deuten;
Hat sie ihm nicht geflucht,
Vor vielen tausend Leuten
Den Tod im Rhein gesucht?
Sie kann nicht wiederkommen,
Seit ihren Fluch sie sprach,
Sie hat sich das Leben genommen,
Weil er die Treue brach!
Geht denn mit Flattern und Fliegen
Und täuschendem Gesang
Ihr Geist, dem Grab entstiegen,
Nun spukend die Nächte lang?
Oder ob ruhlos irrend
Sie doch noch an ihm hängt,
Die Tote liebegirrend
Sich an den Lebenden drängt?
Wie soll sich davor retten
Der schwer verstrickte Mann,
Und wie zerreißen die Ketten?
Schon wieder hebt es an: 

Hoch am Himmel glühn die Sterne,
Sehn mich wanken durch die Nacht,
Denn du bist und bleibst mir ferne,
Und ich hätte doch so gerne
Deiner Seele Traum bewacht. 
Hörst du nicht mein Flehn und Klagen?
Weht es dir nicht zu der Wind?
Läßt mich ganz an dir verzagen,
Kannst es dulden, kannst es tragen,
Daß wir auseinander sind? 
Meine Augen stehn in Tränen,
Und mein Herz verblutet sich,
O gib Antwort meinem Sehnen,
Laß von dir geliebt mich wähnen,
Und auf ewig lieb' ich dich! 

Dem Lauschenden geht dies Singen
Ganz eigen ergreifend ein, –
Wolln um den Verstand ihn bringen
Die buhlenden Melodei'n?
Das Flüstern und das Winken,
Das Locken mit lächelndem Mund,
All seine Sinne trinken
Es dürstend bis auf den Grund.
Er sieht leibhaftig im Traume,
Wie mit der Schönheit Sieg
Aus blinkendem Wellenschaume
Die kyprische Göttin stieg,
Lurlei vor Augen ihm schweben,
Dem schwelgenden Blick enthüllt,
Sehnsüchtig entgegen ihm streben,
Von Liebesverlangen erfüllt.
Doch will er sie umfangen,
Glaubt er, sie wäre sein,
So ist in Dunst zergangen
Ihr schimmernd Fleisch und Bein.
Und neben sich, bleich von Kummer,
Beim Morgendämmerschein
Sieht er in leisem Schlummer
Sein Weib, schuldlos und rein.
Da packt ihn das Entsetzen,
Das Mitleid faßt ihn an,
In Wahnsinn muß ihn hetzen,
Was er nicht tragen kann.
Er fühlt's mit reuigen Schmerzen:
Zu ihr zog ihn ein Wahn,
Er ist mit seinem Herzen
Der andern untertan,
Und fühlt: wem je berücket
Ein Dämon Seel' und Leib,
Den freuet und beglücket
Nie mehr ein sterblich Weib.
Nicht lange bleibt verborgen
Gis'la des Gatten Leid,
Denn jeder neue Morgen
Gibt ihr davon Bescheid.
Doch braucht sie nicht zu fragen,
Was ihr Lothar verhehlt,
Sie weiß sich's selbst zu sagen,
Daß ihr sein Lieben fehlt.
Sie sucht nicht nach dem Grunde,
Als wär' er ihr verhüllt,
Sie ahnt es, daß von Stunde
Sich Lurleis Fluch erfüllt.
Nie hört Lothar sie klagen,
Daß er ihr Kälte zeigt,
Sie will es mit ihm tragen,
Grämt sich im stilln und schweigt.
Er kann das Weh nicht heilen,
An dem ihr Leben dorrt,
Und spricht, das Leid zu teilen,
Auch kein befreiend Wort.
Ihn treibt von ihrer Seite
Sein schuldbewußter Sinn,
Ruhlos irrt er ins Weite
Durch Wind und Wetter hin.
Und immer zieht es, immer
Ihn an den Ort zurück,
Wo er im Mondenflimmer
Einst träumte von künftigem Glück.
Dort unten war's am Rheine
An jenes Bächleins Rand
Bei dem bemoosten Steine,
Wo er mit Lurlei stand,
Wo sie mit Wonnebeben
Ihm in die Arme sank,
Er Glut und Lust und Leben
Von ihren Lippen trank.
Dahin hat er sich wieder
Mit scheuem Schritt gewagt,
Läßt schwermutsvoll sich nieder,
Im Innersten verzagt,
Und sitzt nun still und traurig
Hier einsam auf dem Stein,
Ihn fröstelt, kalt und schaurig
Weht's ihm ins Herz hinein.
Er sieht das Brünnlein laufen
Und sieht's auch wieder nicht,
Er hört des Wassers Traufen,
Wie's sich an Kieseln bricht.
Er weiß nicht, was da rauschet,
Woher der Schall ihm dringt,
Er blickt empor und lauschet,
Wie's um ihn singt und klingt. 

Was willst du hier am klaren Born?
Dein Herz ist trüb und schwer,
Die Blüt' ist hin, es starrt der Dorn,
Die Welt ist liebeleer.
Hier vor des Waldes Ohren
Hast du mir Treu geschworen,
Bist ewig nun verloren,
Ich lasse dich nicht mehr! 
Weil Liebe du gelogen hast,
Gebrochen deinen Schwur,
Hast du nicht Ruhe mehr und Rast,
Ich bin dir auf der Spur.
Ich will dich hetzen und jagen,
Ich will mit Leid dich schlagen,
Am Leben sollst du verzagen,
Eh wieder grün die Flur. 
Dein Wort war hold und minniglich,
Dein Auge war voll Lust,
Du hieltst in deinen Armen mich,
Ich lag an deiner Brust.
Die Wellen hört' ich singen,
Die Sterne hört' ich klingen,
Ich hätte mich mögen schwingen
Hoch über der Erde Dust. 
Du gingst und nahmst ein ander Weib
Und trugst sie in dein Haus,
Dafür Verderben deinem Leib
Und deiner Seele Graus!
Magst schlafen oder schweifen,
Magst in der Ferne streifen,
Ich will ans Herz dir greifen:
Gib mir mein Glück heraus! 

Der Graf in hartem Büßen
Ist auf den Stein gebannt,
Machtlos an Händen und Füßen,
Wie auf die Folter gespannt.
Er ächzt und stöhnt und sendet
Ratlos den Blick umher,
Und wie der Sang geendet,
Erhebt er matt und schwer
Sich von dem Sitz und schwanket
Heimwärts durchs Waldgeheg,
Und wie von Dornen umranket
Dünkt's ihn ein Marterweg.
Mit wissenden Fingern zeigen
Im Tal und den Berg hinan
Die Bäume mit ihren Zweigen
Auf den beschämten Mann.
Es geht ein Schnarren und Schnaufen,
Ein Zischeln von Blatt zu Blatt:
»Seht doch den Helden laufen,
Der Liebe gelogen hat!«
Er zieht ins Antlitz die Gogel
Vor dem Gespött und Gelach,
Doch flattert wie ein Vogel
Zum Hohn das Lied ihm nach.
Bald pfeift es ihm zur Linken,
Bald schmettert's rechts hervor
Und schrillt wie Flöten und Zinken
Ihm kreischend in das Ohr:
»Ich will dich hetzen und jagen,
Ich will mit Leid dich schlagen,
Am Leben sollst du verzagen!«
Wie unter gestohlnen Lasten
Flüchtet er keuchend waldein
Und stößt im Rennen und Hasten
Stolpernd an Wurzel und Stein.
Im angstgepeitschten Schritte
Bricht kalter Schweiß ihm aus,
Doch weiter bei jedem Tritte
Schallt's aus der Wipfel Gebraus:
»Magst schlafen oder schweifen,
Ich will ans Herz dir greifen,
Gib mir mein Glück heraus!«
Die Sträucher rauschen und knacken,
So stürmt er wie der Hirsch
Mit des Geweihes Zacken,
Gescheucht auf spornender Pirsch,
Wenn Hifthorn und Geläute
Den stillen Forst durchklingt
Und näher und näher die Meute
Auf seiner Fährte springt.
Das Wams hängt ihm in Fetzen,
Fast kann er schon nicht mehr,
Doch immer mit Stacheln und Hetzen
Gellt's schaurig hinter ihm her.
»Ich will ans Herz dir greifen,
Gib mir mein Glück heraus!«
Erschöpft, halb aufgerieben
Bis vor sein festes Haus
Hat's ihn verfolgt und getrieben.
»Gib mir mein Glück heraus!«
Endlich gerettet, geborgen
In seinen vier Wänden drin,
Wirft er in fiebernden Sorgen
Verzweifelnd aufs Lager sich hin.
O Jammer! o Pein und Plage!
Lothar trifft Stoß auf Stoß,
Friedlos sind seine Tage,
Die Nächte schlummerlos.
Er weiß nicht, was er denken,
Nicht, was er glauben soll,
Bleischwer in den Gelenken,
Im Kopfe wirr und toll,
Wankt er in seinem Schlosse
Wie taub und blind umher,
Die Mannen von seinem Trosse
Erkennen den Herrn nicht mehr.
Hohläugig und elend blickt er,
Bleichwangig und fast ergraut,
Vor seinem Abbild erschrickt er,
Da er's im Spiegel schaut.
Wie ob dem Vorfall im Walde
Er grübelnd sich härmt und grämt,
Geschieht es, daß er balde
Sich vor sich selber schämt.
Und wieder nun erwachet
Der Stolz, der hart wie Stein
Mitleid und Reu verlachet,
Flößt neuen Mut ihm ein
Und trägt ihn wie auf Wogen,
Daß er sich trotzig fragt:
»Graf Katzenellenbogen,
Was ist's, das an dir nagt?
Womit denn kämpfst und ringest
Du ruhlos Tag und Nacht,
Daß du das Ding nicht zwingest,
Das dich zu fürchten macht?
Spukt ein Gespenst im Grunde,
Will ich's mit Augen sehn,
Ich stell' es, und zur Stunde
Soll es mir Rede stehn.
Ist sie's, dem Bad entronnen
Und lebend im Wald versteckt,
Die bei dem Stein am Bronnen
Gehöhnt mich und geneckt,
Dann fort mit allem Bangen!
Sie soll bald kirre sein!
Womit ich sie einmal gefangen,
Fang' ich sie wieder ein.
Und ist sie noch schön wie ehe,
Ob Hexe oder nicht,
Bei meiner Seele! so gehe
Ich anders mit ihr ins Gericht!«
Halb kann er's nicht verwinden,
Daß jüngst sie ihn besiegt,
Und halb, sie wieder zu finden
In Hoffnung schon gewiegt,
Beschließt er, sie zu suchen,
Nimmt Armbrust mit und Speer,
Geht unter Eichen und Buchen,
Als ob es zum Jagen wär'.
Der Nebel ist gestiegen,
Der auf dem Rheine lag,
Zerklüftete Wolken fliegen
Am Spätherbstnachmittag.
Die Luft ist dunstig, es senket
Sich schon des Zwielichts Hauch,
Mit schlurfendem Gange schwenket
Der Wind um Baum und Strauch.
Die Waldestiefe weitet
Sich düster, freudenlos,
Mit klopfendem Herzen schreitet
Lothar durch Laub und Moos.
Erpicht auf sein Beginnen,
Erhitzt von seinem Wahn,
Spürt er mit scharfen Sinnen
Nach seines Wildes Bahn.
Bei keinem Pirschgang wallet
So mächtig ihm das Blut,
Was fern nur hallt und schallet,
Bringt ihn in Gärung und Glut.
Wenn mit durchdringendem Tone
Ein Specht am Baume hackt,
Wenn in der Eichenkrone
Ein dürres Ästlein knackt,
Von dem vielleicht ein Rabe
Die trägen Schwingen hebt,
Und wenn mit flinkem Trabe
Ein Fuchs ins Dickicht strebt, –
Gleich stutzt er und fährt zusammen
In rascher Begehrlichkeit,
Ist gleich in Feuer und Flammen
Zum Überfall bereit,
Läßt von Gereg' und Geräuschen,
Die Aug' und Ohr vernimmt,
Bald hier, bald dort sich täuschen,
Wird ärgerlich und verstimmt.
Er hat den Born umschlichen,
Gelauert und gelauscht,
Doch nur die Zeit ist verstrichen,
Das Wasser nur hat gerauscht.
Er schlägt, die Spur zu finden,
Sich tiefer ins Geheg
Und stöbert mit Wittern und Winden
Stracks ohne Weg und Steg
In einem Seitentale,
Aufsteigend quer vom Rhein.
Da sieht er zum hundertsten Male
Undeutlich im Dämmerschein
Schon wieder sich etwas regen,
Als weht' ein helles Gewand,
Als winkte mit raschem Bewegen
Ein Arm und eine Hand.
Schnell hin! – da ist's verschwunden,
Nichts ist, als Strunk und Strauch,
Und was er glaubte gefunden,
Zerfloß wie Nebelrauch.
Er müht sich ab mit Suchen
Anstrengend Gehör und Gesicht, –
Da rechts in niedrigen Buchen,
Bewegt sich's und raschelt's da nicht?
Und jetzt, wo die Loden sich biegen,
Wo Haseln stehn zu Hauf,
Da streicht es und duckt sich im Schmiegen,
Taucht seitwärts wieder auf.
Er nähert sich ihm leise,
Er schneidet den Weg ihm ab, –
Wo blieb es? rings im Kreise
Ist's stille wie im Grab.
Nun wieder drüben zur Linken
Dasselbe wie zuvor,
Dasselbe Wanken und Winken,
Das eben sich rechts verlor.
Doch wie er springend und laufend
Erreicht den umbuschten Platz,
Ist's wieder umsonst, und schnaufend
Verwünscht er die trügrische Hatz.
Fast müde vom langen Schweifen,
Stützt er sich auf den Speer,
Und übers vergebliche Streifen
Ergrimmend, hofft er nicht mehr.
An Heimkehr denkt er, um morgen
Am hellen, lichten Tag
Zu sehn, was hier verborgen
Ihn irren und äffen mag.
Da kommt heran gezogen
Vom Berg ein frischer Wind
Und macht die Zweige wogen,
Doch sanft nur und gelind.
Und in dem Rauschen und Schwingen
Hört hinter sich Lothar
Talaufwärts nun ein Singen
In Lüften wunderbar. 

Das Tal durchhallt mein trauernd Lied,
Waldein, waldaus zu fragen,
Warum wohl Herz von Herz sich schied,
Die Brust an Brust geschlagen.
Zerrissen liegen Kranz und Strauß,
Und schaurig schallt im Windsgebraus
Trostlosen Schicksals Klagen
Waldein, waldaus. 
Mich hält, was einst zu dir mich trieb,
Weh mir! weh dir! gefangen,
In meines Herzens Grunde blieb
Nach dir ein heiß Verlangen.
Noch ist nicht, was im Walde hie
Geschehen zwischen dir und mir,
Vergessen und vergangen,
Weh mir! weh dir! 
Dir läßt es auch nicht länger Ruh,
Wohin, wohin vor Leide?
Verlorne Liebe suchest du
Wie Perlen auf der Heide.
Folgst du mir nach mit kühnem Sinn,
Mir, die ich deine Sehnsucht bin,
Wohin ich dich bescheide?
Wohin? wohin? 

»Bis an das Ende der Erde!«
Antwortet jauchzend Lothar,
»Oh daß ich selig werde!
Dein, dein auf immerdar!
Lurlei, du Liebe, du Süße!
Find' ich dich endlich doch?
Ich küsse dir Hände und Füße!
Lurlei, du liebst mich noch?«
In seinem Freudenrausche,
Daß die Geliebte lebt
Und wieder zum Herzenstausche
Nach ihm den Ruf erhebt,
Springt, daß in Steinen und Stufen
Geröll vom Abhang scharrt,
Dahin er, wo Entzücken
Ohn Maßen seiner harrt.
Doch sie ist nicht zur Stelle,
Nichts rührt sich auf dem Stand,
Und nirgends schimmert helle
Durch Dämmrung ihr Gewand.
Im letzten Abendstrahle
Sucht er, – hier war's doch, hier!
Da, höher hinauf im Tale,
Tönt wieder Gesang von ihr. 

Du fragst, ob ich dich liebe?
Weißt du es nicht schon lang?
Sagt dir's der Stimme Klang
Aus innerstem Herzenstriebe
Nicht zitternd, freudenbang? 
Der Fluch aus meinem Munde,
Der liegt versunken im Rhein,
Dein eigen will ich sein,
Bist du von dieser Stunde,
Geliebter, wieder mein. 

Mein Herz ist dein! nie hab' ich
Zu lieben dich aufgehört,
Nur meine Hand vergab ich,
Von einem Wahn betört.
Komm! stille mein nagend Wehe,
Zeig' mir dein Angesicht,
Daß ich dich wiedersehe!
Wo bist du? ich finde dich nicht.« 

Willst meinen Leib du umwinden,
So steige nur bergan;
Wer sichten und suchen kann,
Weiß auch die Liebste zu finden,
Zum Weibe komme der Mann! 

Es klingt so vielversprechend,
Ermutigend ihm ins Ohr,
Gestrüpp und Gerank durchbrechend
Stürmt wieder er empor
Mit heiß erregten Sinnen
Und mit unbändigem Blut,
Die Liebste zu gewinnen,
Daß sie in Armen ihm ruht.
Er sieht sie schatten und schweben
Lautlos um Busch und Baum
Und immer weiter streben
Im herbstlichen Waldesraum.
Jetzt bleibt zu kurzem Rasten
Sie lauschend im Dickicht stehn,
Jetzt wieder mit Eilen und Hasten
Scheint sie voran zu gehn.
Und wie er auch sich sputet, –
Hat er sie fast erreicht,
Merkt er, daß unvermutet
Sie wieder ihm entweicht.
Doch als er bis zur Stirne
Des Bergs ihr nachgejagt,
Da hält er mit brennendem Hirne,
Schöpft Atem endlich und fragt:
»Du willst noch immer weiter?
Des weiß ich keinen Rat,
Daß erst du winkst dem Begleiter
Und flüchtest, wenn er naht.
Wohin willst du mich führen?
Und warum wartest du nicht?
Ich kann nicht wittern und spüren,
Der Wald ist dunkel und dicht.« 

Ich wittre für uns beide
Den Weg zur Waldesscheide,
Ich spüre mit sichrem Sinne
Den Platz für unsre Minne,
Ich führe dich mit Gesange,
Du folge seinem Klange! 

Lothar mit tastenden Tritten
Folgt sehnend ihrem Lied,
Das wie mit Geisterschritten
Vor ihm hinwandelnd zieht.
Es führt ihn auf dem Kamme
Noch tiefer ins Dunkel hinein,
Vorbei manch altem Stamme
Und über Stock und Stein.
Der letzte Schimmer erlischet
Auf pfadlos finstrem Gang,
Mit Lurleis Lied vermischet
Sich tönend der Lüfte Gesang.
Der Wind macht in den Zweigen
Dazu das Saitenspiel,
Ein zauberumsponnener Reigen
Führt zum verborgnen Ziel.
Getragen von tiefem Brausen
Das helle Singen schallt,
Begleitet von Surren und Sausen,
Durchdringt's den schauernden Wald. 

Es wuchs auf einem rauhen Stein
Ein Röslein, duftumflossen,
Hat sich in Tau und Sonnenschein
Zur Rose voll erschlossen.
Sie wartet dein am Waldesrand,
Komm, pflücke sie mit rascher Hand.
Sie blüht für dich allein. 
Du bist am Herzen krank und wund,
Von Liebesleid versehret,
Ich weiß es, was dein stolzer Mund
Mit heißem Durst begehret.
Berauschend dir ein Becher schäumt,
Davon dir Tag und Nacht geträumt,
Komm, leer' ihn auf den Grund! 
O seligsüße Trunkenheit
In Wonnen und in Wehe!
O sinnestrunkne Seligkeit,
Dein Wille nun geschehe!
Komm, Liebster, komm! Erwartung winkt,
Daß dir die Braut entgegensinkt,
Es ist wohl an der Zeit. 

Wie auch im Sang sich kündet
Verheißungsvolle Huld,
Spricht doch, davon entzündet,
Lothar in Ungeduld.
»Du schwebst und schlüpfst behende,
Lockst mit geschwindem Wort
Und nötigst mich ohn' Ende
Durch Nacht und Wildnis fort.
Es schwirrt ein heimlich Grauen
Um dunklen Waldessteg,
Sag', soll ich dir vertrauen,
Wohin geht unser Weg?« 

Bekränzt mit Veilchen und Rosen,
Gerüstet zum Hochzeitsfest,
Harrt unser zu minnigem Kosen
Im Fels ein behagliches Nest. 
Da schimmern und spiegeln die Wände,
Vom Lichte der Ampel erhellt,
Da haben geschäftige Hände
Ein köstliches Mahl uns bestellt. 
Nichts fehlt in dem gastlichen Horte,
Daß beide wir glücklich sind,
Vor seiner verschwiegenen Pforte
Singt leise nur, leise der Wind. 
Frischauf und tapfer gerungen!
Da drinnen ist's wohlig und warm,
Heisa! hinübergesprungen!
Bald hältst du das Liebchen im Arm. 

Mit Singen immer gleitet
Sie schemenhaft voran,
In Hoffen immer schreitet
Ihr nach der gläubige Mann.
Sie kirrt ihn fort, bald eben
Und durch Geklüfte bald,
Und zu Geräusch und Leben
Erwacht der hohe Wald.
Die alten Bäume rütteln
Die Kronen, halb entlaubt,
Die Sträucher schwingen und schütteln,
Es rischelt drin und schnaubt,
Und fuchtelnde Zweige schlagen
Dem Grafen ins Gesicht,
Als ging's an Kopf und Kragen,
Er aber ruhet nicht;
Er muß durch all das Wogen
Gradaus und kreuz und quer,
Von einer Kraft gezogen,
Die stärker ist, als er.
Lurlei scheint siegestrunken,
Ihr Lied durchrast die Nacht,
Als sprengt' es mit stiebenden Funken
Zu Roß in die tosende Schlacht. 

Blase, du Sturmwind,
Die Melodei
Zu meines Herzens
Jauchzendem Schrei!
Fächle den Busen mir,
Kühle die Stirn,
Wirble mir wilde
Gedanken ins Hirn!
Jage mich, trage mich
Hin durch die Nacht,
Wettre mich, schmettre mich
Nieder mit Macht!
Wieder doch flieg' ich
Gegen dich an,
Beugest mich nimmer,
Immer voran
Schweb' ich der Sehnsucht,
Schleierverhüllt,
Bis ich ihr glühend
Begehren erfüllt.
Wälder vernichten,
Länder verwehn
Kannst du im Wüten,
Mich läßt du stehn!
Was meinem Weben
Hindernis schafft,
Wirket mir doppelt
Lebendige Kraft.
Alles, was Odem hat,
Betet zu mir,
Unüberwindlich
Trotz' ich auch dir!
Nimmer gebietest du,
Nimmer mir Halt,
Ich bin der Liebe
Göttergewalt! – 
Kommst du, Geliebter?
Dort ist mein Dach!
Hörst du im Sturm mich?
Folge mir nach! 

»Vorwärts nur meinetwegen!
Ich komme schon hinterdrein,
Durch Hölle dem Himmel entgegen,
Er kann nicht weit mehr sein!«
Und immer zu noch geht er,
Wie, weiß er selber kaum,
Bald stürzt er und bald steht er
Und wandelt wie im Traum.
Der Wald wird lichter, es dämmert
Nun wieder ein matter Schein,
Doch immer heftiger hämmert
Der Wind von außen herein.
Endlich in niedrer Gruppe
Steht da der letzte Baum,
Kahl hebt die Bergeskuppe
Sich an des Gebüsches Saum.
Entblößte Klippen liegen
Verstreut auf ödem Rain,
Knieholz und Wurzeln schmiegen
Verkrüppelt sich ans Gestein.
Der Sturm mit Fauchen und Pfeifen
Fegt über das tote Gefild,
Zerfetzte Wolkenstreifen
Umflattern das düstre Bild.
Abschließend streckt sich im Bogen
Der nahen Grenze Lauf,
Von Finsternis umzogen,
Als hörte die Welt dort auf. 
Der Graf, enttäuscht, verdrossen,
Hemmt vor der Wüste den Schritt,
»Lurlei!« ruft er entschlossen,
»Nicht weiter geh' ich mit.
Mit Lügen und listigen Scherzen
Hast du mich genarrt bis hier,
Mir wird es kalt im Herzen, –
Du hüte dich vor mir!«
Schon will er sich rückwärts wenden,
Da wieder sieht er sie stehn
Mit liebeflehenden Händen,
Nun kann er nicht von ihr gehn.
Sie winkt ihm und verschwindet,
Er folgt ihr eilig nach,
Und wie er um Klippen sich windet,
Ragt wie ein schirmend Dach
Ein breites Felsstück oben,
Dahinter ist es still,
Ganz still nach Brausen und Toben,
Und wie er weiter will,
Tönt sanft den Fels umschwirrend
Wie lispelnder Harfenklang,
Halb flüsternd, sinnverwirrend
Ein schmelzender Gesang. 

Ich liebe dich! oh komm in meine Hütte,
Zu meines Lagers traulich stillem Raum,
Daß ich mit Glut und Glück dich überschütte
Und wir uns ruhn in wonnesüßem Traum! 
Du sollst dein Haupt an meine Schulter legen
Und schmiegsam lauschen meinem Atemgang,
Ich will dich ganz an meinem Herzen hegen,
Von meinem Haar umflutet, mantellang. 
Und sollst dich satt an meinen Lippen trinken,
Ihr Lächeln lade hochgemut dich ein,
Bis dir die Augen liebesmüde sinken
Zum Schlummer bei der Morgenröte Schein. 
Die Nacht ist ahnungsvoll, des Mondes Helle
Verbirgt sich hinter dunkler Wolken Strich;
Was kümmert uns der Mond! wir sind zur Stelle.
Komm her! komm her! Lothar ich liebe dich! 

Ihm flammt das Herz, er schreitet
Glückselig noch weiter hinaus,
Sie wartet sein! er breitet
Die Arme nach ihr aus
Und hält sie fast umwunden,
Da ist sie – o Schimpf und Spott!
Ihm unter den Händen entschwunden
Und er – barmherziger Gott!
Er steht – und sieht's mit Schrecken –
Hart an des Abgrunds Rand,
Die Flügel der Nacht verdecken
Den Sturz der Felsenwand.
Was er für Dunkel gewähnet,
Ist Leere, bodenlos,
Die ihm entgegengähnet
Aus schwindelnder Tiefe Schoß.
Ein Schritt noch, . . . er schaudert und stieret,
Gekühlt ist seine Glut,
Vor solcher Tücke gefrieret
Ihm in den Adern das Blut.
»Dreh' dich um!« – aus dem Wesenlosen
Ruft's also gebietend, nah;
Er tut's, – in Sturmestosen
Steht Lurlei vor ihm da.
Scharf hebt sich ab vom Dunkeln
Die hohe Weibesgestalt,
Er sieht das Blitzen und Funkeln
In ihrer Augen Gewalt.
Sie singt nicht wie noch eben,
Sie spricht mit wildem Hohn,
Laut durch das Wehn und Weben
Schallt ihrer Stimme Ton:
»Da bin ich, – des Todes Scherge!
Erkennst du dies Gestein?
Stehst auf dem Lurlenberge,
Dort unten schäumt der Rhein!
Hierher wollt' ich dich haben,
Kehrst nimmermehr zurück,
Der Rhein soll dich begraben,
Wie du es schwurst im Glück.
Nun leer' auf die Neige den Becher,
Den ich dir lange gemischt,
Und trinke dich satt, du Zecher,
Dort unten an Strudel und Gischt!
Nun küsse dir blutig die Lippen
In letzter, zuckender Lust
Und fliege den starrenden Klippen
Im Schwung an die steinerne Brust!
Falsch waren meine Lieder,
Falsch wie dein Wort und Sinn;
Brichst keiner die Treue wieder,
Verräter, fahre hin!«
Ein Kreischen, ein Winseln und Sausen
Geht durch der Lüfte Meer,
Ein Stoß, ein Donnern und Brausen,
Der Platz am Rand ist leer.
Hoch über des Abgrundes Rachen
Vom ragenden Felsenturm
Fliegt ein frohlockendes Lachen
Hinaus in den heulenden Sturm.

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler