XVI. Gerücht und Gerede

Spät im Jahr, erst kurz vor Weihnacht
War der Winter eingezogen
In das Rheinland, hielt nun aber
Dafür desto strengre Herrschaft.
Hart und dauernd war die Kälte;
Blendend weiß im Schneegewande
Lagen ringsumher die Berge;
Jeder Ast und jedes Zweiglein
Glänzt' und glitzerte wie Silber.
Feierlich in tiefem Schweigen
Stand der Wald im Winterschmucke,
Fernhin unter seinen Bäumen
Nebelduftig, graulich schimmernd.
Von den Felsen hatten viele
Sich mit eisig glattem Harnisch
Fest und spiegelblank umpanzert,
Dessen Platten, Schuppen, Ringe
Nur des Frühlings Sonnenhände
Und sonst niemand lösen konnte.
Schwere Fesseln trug der Rheinstrom,
Von den groben Frostgesellen
Dicht ihm auf den Leib geschmiedet,
Die noch Tag und Nacht dran bosselnd
Weiter nieteten und klopften.
Haushoch aber aufgeschichtet
Stand das Eis am Lurlenberge
Zwischen beiden Felsenufern,
Gleich als ob der Winterriese
Scholle gegen Scholle schiebend,
Block auf Block zum Werke türmend
Trotzig einen Eiswall bauen
Und das Tal vermauern wollte.
Prachtvoll sah es aus und machtvoll,
Wo es hier in breiten Stufen
Wie ein Gletscher sich herabgoß,
Dort in Zacken, Scherben, Buckeln
Wellig, holperig und höckrig
Festgekeilt sich hob und bäumte.
Wundervolle Farbenspiele
Blinkten in der Mittagssonne;
Wie in blitzenden Kristallen
Brach das Licht sich hier an Wänden,
Dort in Spalten oder Splittern,
Flimmerte durch tiefe Risse
Bläulich schillernd oder grünlich.
Und des Nachts im hellsten Glanze,
Friedvoll, ewig hoch darüber
Funkelten die goldnen Sterne.
Längst gehemmt war alle Schiffahrt,
Und es war stromauf, stromunter
Still und einsam an den Ufern.
Auch in Sankt Goar war's ruhig;
Viele fleißgewöhnte Kräfte
Mußten feiern, weil der Winter
Ihnen wohl das Handwerk legte.
So vor all'n erging's dem Fischfang,
Den des Eises Ellendicke
Auf dem Strome nicht erlaubte.
Peter Sandrog und die Seinen
Hielten sich daheim am Herde
Bei manch häuslicher Hantierung,
Besserung der Fanggeräte
Und des Fahrzeugs und besuchten
Sich mit Nachbarn und Gefreunden,
Manchen langen Winterabend
Mit einander zu verplaudern.
Der Genossen Übelwollen
Und das Mißtrau'n und Vermeiden,
Unter dem die Fischersleute
Nach dem schrecklichen Ereignis
Bei dem Königsstuhl zu Rhense
Lange Zeit zu leiden hatten,
War allmählich ganz geschwunden.
Anfangs war man tief erbittert
Ob der Heimlichkeit und Täuschung
Mit dem unterschobnen Kinde,
Dessen wundersame Herkunft
Nun die Sandrogs eingestanden.
Bald doch regte sich das Mitleid;
Man sah ein, daß sie's von Herzen
Gut gemeint und hielt sie wieder
Wie vorher in hoher Achtung,
Ja, beglückwünscht wurden beide,
Daß sie die verdammte Hexe
Noch so glücklich los geworden. 
Anders dachten jene selber;
Ihnen fehlte viel, seit Lurlei
In dem grünberankten Hause
Nicht mehr fröhlich ein- und ausging
Und ihr jubeltönig Lachen
Nicht mehr jeden Raum durchhallte.
Ihnen war sie ja von Kinde
Trotz des rätselhaften Ursprungs
Innig an das Herz gewachsen,
Und sie dachten der Geschiednen
Nur mit liebevoller Trauer.
Mocht's auch ihnen durch den Kopf gehn,
Doch in stiller Übereinkunft
Ward's im Fischerhaus vermieden,
Sich darüber auszusprechen,
Wer und was, als sie noch lebte,
Lurlei eigentlich gewesen
Und was nun aus ihr geworden.
Tief danieder drückt' es Heinrich,
Daß in rasender Verzweiflung
Ohne Halten sie geflohen
Und auch gar nicht wiederkehrte,
Wie er eine Weile hoffte.
Wochenlang in seinem Schmerze
Trug er sich mit Mordgedanken,
An Lothar die Schuld zu rächen,
Doch er konnt' ihn nicht erreichen.
Finster blickt' er auf Salvete,
Deren Kuppelei er ahnte,
Und die selbst des Vorschubs halber,
Den sie Lurleis eitler Liebschaft
Mit dem Grafen stets geleistet,
Nun Gewissensbisse hatte.
Die Gespräche über Lurlei
Waren längst verstummt, als plötzlich
Sie aufs neue Nahrung fanden
Durch den Tod des jungen Grafen,
Der ein groß Gerede machte.
Eines Tages im November
Ward bei Wellmich nah dem Ufer
Treibend in dem Strom der Leichnam
Mit gebrochenem Genicke
Und vom Sturz zerschlagnen Gliedern
Aufgefunden; überm Rücken
Hing am Riemen ihm die Armbrust.
Also auf der Jagd verunglückt
Mußt' er sein. Wie war das möglich?
Er, der Weg' und Stege kannte,
Der im Dunkeln sich zurecht fand,
Einen Fehltritt tun? undenkbar!
Sich das Leben selbst zu nehmen,
Gar aus Reue wohl um Lurlei,
Lag nicht in der Art des Kecken,
Der um eines Mädchens willen
Sich kein groß Gewissen machte.
Doch was blieb zu denken übrig?
Wo? von welcher Felsensteile
War der Sturz geschehn? man suchte,
Suchte Spuren und fand endlich
An dem Fuße des Lurlenberges
Im Gestrüpp des Grafen Jagdspieß.
Dort hinab gefallen war er
Von der schwindlicht schroffen Höhe!
Hatt' ein böser Geist, ein Irrwisch
Ihn verlockt auf weitem Umweg
Durch das Tal, durch Wald und Wildnis,
Auf dem öden Fels zu pirschen,
Zu dem niemand sonst hinaufstieg?
Unerklärlich und so dunkel
Wie die Gruft des Herrngeschlechtes
Auf Schloß Rheinfels, wo den Grafen
Man zur ew'gen Ruh gebettet,
Blieb sein Tod, und nichts vermochte
Dieses Dunkel aufzuhellen. 
Aber schon die nächsten Wochen
Brachten neue Unglückskunden.
Robert Herpel war ertrunken
Und nach ihm, fünf Tage später,
Noch ein andrer junger Fischer,
Der in Caub rheinaufwärts wohnte,
Und das beide in den Wirbeln,
In dem grausen Klippenwirrsal
Grade unterm Lurlenberge.
Robert Herpel kannten alle
Als der besten Rudrer einen,
Fester Hand und scharfen Auges,
Der sich vor Gefahr nicht scheute
Und ihr zu begegnen wußte.
Was er an dem Schreckensorte
Jetzt, im herbstlich rauhen Wetter,
Wo's beim hohen Wasserstande
Noch gefährlicher als sonst war,
Wiederholt zu suchen hatte, –
Niemand riet es. Seine Freunde
Sagten aus, er hätte freilich
Manchmal wunderliche Reden
Schon geführt, als ob zum Felsen
Ihn ein eigner Zauber lockte.
Einem hatt' er angedeutet,
Daß er dort ein Singen hörte,
Als wenn's Lurleis Stimme wäre,
Dem er mit Entzücken lauschte.
Doch der Freund wollt' ihm nicht glauben,
Meinte, Robert war' um Lurlei,
Die er lieb gehabt wie keiner,
Etwas wirr im Kopf geworden.
Als jedoch aus Caub der andre
An derselben bösen Stelle
Auch gescheitert war und elend
Mit zerschmettertem Gebeine
In den Wellen umgekommen,
Ward man aufmerksam und dachte
Wieder an den Tod des Grafen,
Ob es ähnliche Bewandtnis
Nicht mit ihm auch haben könnte,
Der in Heimlichkeit mit Lurlei
Trauten Umgang unterhalten,
Und dem sie für seinen Treubruch
Ihren Fluch ins Herz geschleudert.
Deshalb lag die Frage nahe,
Ob Lothar nicht gar ermordet
Und vielleicht ein Spuk im Spiel sei,
Der den Fluch an ihm vollzogen.
Schwer fiel ins Gewicht, daß einstens
Lurlei aus dem Rhein gefischt war,
Aus dem Rhein am Lurlenberge!
Ein natürlich Menschenkindlein
Hätte das nicht überstanden,
Nixenbrut nur lebt im Wasser.
Und am Königsstuhl zu Rhense
Nach dem Ruf ›ich bin auch Hexe!‹
War sie in den Rhein gesprungen
Wissend, daß sie ihm entstammte.
Alle dachten noch mit Schaudern
An den Auftritt; jetzt erklärte
Sich die Furcht und die Bestürzung,
Die so lähmend sie gepackt hielt,
Daß sie überwältigt standen,
Seine schicksalsschweren Folgen
Unbewußt voraus empfindend.
Lurleis letzte, doch im Wirrwarr
Damals nicht verstandne Drohung,
Als ob auch noch nach dem Tode
Sie sich grausam rächen könnte,
Suchte nun erst man zu deuten
Und zum Schlimmsten auszulegen
Wie, wenn sie nun nicht ertrunken,
Weil das Wasser ihre Heimat?
Wie, wenn sie als Nixe lebte
Und mit List, Verrat und Tücke
Junge Männer an sich lockte,
Sie zu sich herabzuziehen
Oder in den Grund zu stoßen
Und ihr warmes Blut zu saugen,
Wie es alte Mären melden?
Schrecklich wär' es, ganz entsetzlich,
Wenn am Felsen hier ein Unhold
Friedlich frommes Volk bedrohte
Und dem schönen, grünen Rheine
Not und Schimpf und Schande brächte!
So ward überall gemunkelt
In Goar, die alten Weiber
Zischten's erst sich in die Ohren,
Trugen's dann von Tür zu Türe,
Und die langen Abendstunden
Waren wie dazu geschaffen,
Spukgeschichten zu erzählen,
Die bald jeder glaubt' im Städtchen.
Das Gerücht nahm zu an Umfang,
Schon im ganzen Trechirgaue
Fand es immer festern Boden
Und wuchs schnell zur Aventüre.
Lurlei, hieß es, haust als Nixe
Unheil und Verderben bringend
In des Lurlenberges Nähe,
Teils hoch oben auf dem Felsen,
Teils im Rheine zwischen Klippen.
Dieser oder jener wollte
Schon bei Tag mit eignen Augen
Auf dem Felsen sie gesehen
Oder auch mit eignen Ohren
Ihren Sang vernommen haben.
Andre meinten noch, im Mondschein
Sah' man deutlich auf dem Gipfel
Sich ein funkelnd Schloß erheben,
Hell erleuchtet, auf den Türmen
Zuckten rot' und blaue Flammen.
Bald verrufen ward die Gegend
Um den Berg als nicht geheuer
Und, soviel es ging, gemieden.
Um den bösen Geist zu bannen,
Ward ein feierlicher Umgang
Angeordnet; Priester, Mönche,
Hunderte von Laien zogen
Mit Monstranz und Weihrauchfässern
Singend hin und her im Tale.
Doch es half nichts; ja man hatte
Deutlich durch die Bittgesänge
Ein verhöhnend teuflisch Lachen
Aus der Luft erschmettern hören,
Und es blieb dabei, daß Lurlei
Die gefährlichste der Hexen
Und durch keine Macht und Mittel
Wieder zu vertreiben wäre,
Seit sie bei den Fischersleuten
Einmal Fuß gefaßt im Lande. 
Peter Sandrog widersprach nicht,
Denn daß Lurlei Nixenbrut sei,
War ja seine eigne Meinung
Gleich von Anfang an gewesen.
Daß er aber dem Gerüchte
Nicht zu widersprechen wagte,
Das bestärkte noch die andern
In dem Glauben, und sie meinten:
Wenn der Peter reden wollte,
Käm's zutage, der weiß sicher
Mehr als alle! Sie gedachten,
Daß sein offenkundig Fangglück
Und sein schnell gewachsner Wohlstand
Grade von der Zeit sich herschrieb,
Als das jüngste Kind gekommen.
Hatt' er mit den dunklen Mächten,
Denen Lurlei zugehörte,
Selber einen Pakt geschlossen?
Also frug man sich, und alle.
Blickten wieder scheu und feindlich
Auf den Fischer, den man endlich
Alle Schuld an dem Verhängnis
Ohne weitres in die Schuh schob.
Wieder war's der wackre Ratsherr
Henne Frei von Paffenau,
Der, sobald der Weg es zuließ,
Längs des Rheins von Oberwesel
Angeritten kam, um treulich
Seinen lieben Bruder Peter
Aufzurichten und zu trösten.
Leider kam er auch mit Nachricht,
Die besorglich klang und traurig
Und die, wie es zu erwarten,
Gleich das Volk mit raschem Urteil
In Zusammenhang und Einklang
Mit dem Lurleiglauben brachte. 
Im Verlauf des langen Winters
War auf nachbarlichen Burgen
Hier und dort ein junger Edler
Eines rätselhaften Todes
Unvermutet schnell verblichen.
Ritter Eberhard von Sponheim
Und die Junker Ernst von Aschbach
Und Gregor von Lorch begrub man,
Ohne daß sie krank gewesen.
Jedem einzelnen von ihnen,
Hieß es nun im Mund der Leute,
Wäre irgendwo im Walde
Lurlei wundersam begegnet,
Hätte mit den Hexenaugen
Ihm ins Herz geblickt und zaubrisch
Ihm das Todeslied gesungen.
Darauf wären sie unrettbar
Rasch dahin gesiecht, der eine
Von den dreien, Ernst von Aschbach,
Hätt' in heißen Fieberträumen
Stets von Lurlei nur gesprochen,
Als verführt von ihrem Liebreiz
Und von ihr zugrund gerichtet.
Also meldete der Ratsherr
Und fuhr fort nach der Erzählung:
»Sieh, so geht nun das Gerede
Überall im ganzen Lande,
Und man ist auf euch Goarer
Schlecht zu sprechen, weil den Unhold
Ihr an eurer Brust genährt habt.
Ich für mein Teil bin so ratlos
Wie betrübt darüber, Peter;
Denn ich hab' allstets die Blonde
Herzlich lieb gehabt und habe
Dir nach Kräften widersprochen,
Als du schon das Unheil ahntest.
Jammern sollt's mich in der Seele,
Wenn so'n schönes, holdes Wesen,
Wie die Lurlei war, nichts Bessres,
Als ein Geist der Hölle wäre,
Und ich kann mich nicht drein finden.
Was an den Gerüchten wahr ist,
Sei dahingestellt, nicht alles
Ist erdacht wohl und erfunden,
Einen Haken hat die Sache.
Schlimm genug ist, daß sie's glauben,
Was gesagt wird, und du weißt ja,
Wie die Menschen stets bereit sind,
Auch das Tollste, das am liebsten,
Gläubig in sich aufzunehmen.
Jetzt schon zweifelt kaum noch einer
An dem Dasein der Verwünschten
Und an ihren Übeltaten,
Und die nach uns kommen, Peter,
Schwören drauf mit heil'gen Eiden,
Daß sich alles so begeben,
Wie man's ihnen überliefert,
Und in Gegenwart und Zukunft
Auch so bleibt; in Ewigkeiten
Wird der Rhein die Nixe Lurlei
Nicht mehr los von seinem Felsen.« 
Peter seufzte, Dankmod weinte,
Und Salvete saß und nickte
Stumpf und mürrisch mit dem Kopfe.
Heinrich lauschte Hennes Worten
Mit Begier, doch was er dachte,
Hielt er fest in sich verschlossen.
Endlich aus dem Binger Loche
Blies der Tauwind durch das Tal hin,
Und nach ein paar warmen Tagen
War des Winters glänzend Ansehn
Stark verbraucht und mitgenommen.
Nicht mehr fleckenlos und leuchtend
War der Schnee, er sank zusammen
Unter einer harten Kruste,
Die bald offne Lücken zeigte,
Immer grauer ward im Schmelzen
Und an eingefallnen Rändern
Erdig braun und schmutzig aussah.
Vom Geäst der Bäume fiel er
Stiebend oder polternd nieder,
Rutschte von den steilen Hängen,
Und das Eis begann zu tauen.
Von den Felsen rann und tropft' es
Wässerig herab zum Grunde,
Und der Regen half von oben
Beim Zerstörungswerk und machte
Schnell des Winters Rüstung mürbe.
Unter seinem schweren Joche
Schwellend und den Frühling ahnend
Brauchte nun der Rhein die Kräfte,
Stemmte sich und hob und drückte,
Freiheitsdurstig, seinen Kerker
Aufzusprengen. Das Gewölbe
Knackt' und kracht' in allen Fugen
Donnerähnlich, weithin schütternd,
Und das Eis bekam im Zickzack
Oder grad' und strahlenförmig
Große Risse, die tagtäglich
Weiter auseinander klafften.
Aus dem obern Stromgebiete
Drängte gleicherzeit das Wasser
Wuchtig nach, und endlich, endlich
Barsten meilenlange Flächen,
Mit gewaltigem Getöse
Losgetrennt in Stücke brechend,
Setzten schwer sich in Bewegung,
Rollten, schoben sich auf andre,
Die noch fest und ruhig standen,
Türmten sich empor und stauten,
Bis vom ungeheuren Drucke
Diese auch zertrümmert wurden
Und stromunter langsam wichen.
Wie Belagerung und Abwehr
Zwischen ebenbürt'gen Gegnern
War der Kampf am Lurlenberge.
Unaufhörlich, unermüdlich
War von Süden her der Sturmlauf
Gegen den erhöhten Eiswall,
Der dem Angriff lange trotzte.
Wasserfluten stürzten schäumend
Drüber her, und schwere Blöcke
Wurden sausend wie Geschosse
Auf das Bollwerk zugeschleudert,
Eh es nachgab und zerbröckelnd
Sich in wilde Trümmer löste,
Die von den befreiten Strudeln
Jauchzend, brausend aufgefangen,
Hochgeschwungen und gestoßen,
Felsen schleifend, Bäume schälend
In des Ufers Überschwemmung
Stromhinab getragen wurden.
Einen wunderbaren Anblick,
Unbeschreiblich groß und herrlich,
Bot des Rheines voller Eisgang,
Wie das mächtige Geschiebe
Wogend, rauschend stolz dahin floß,
Gleich als wär' des Stromes Spiegel
Von Millionen weißer Segler
Ganz bedeckt, die schwankend, schaukelnd
Bord an Bord vorüber zogen.
Knirschend rieb sich Scholl' an Scholle,
Bäumte sich empor, sank unter,
Tauchte wieder auf, daß spritzend
Manchmal hoch die Wellen schlugen.
Aus dem Rauschen und dem Brausen
Klang's, als wenn mit dumpfem Schritte
Des geschlagnen Winterfeldherrn
Endlos lange Heeressäulen
In geordneter Bewegung
Durch das Tal den Rückzug nähmen.
Als die letzte Scholle fort trieb,
Floß, geklärt vom Gletscherwasser
Aus den heimatlichen Alpen,
Prächtig grün der Rhein zum Tiefland,
Und mit jugendlicher Eile
Kam daher gestürmt der Frühling,
Räumte gründlich auf im Neste,
Richtete sich ein und übte
Lächelnd seine holden Wunder.
Knospen sprangen, Blätter grünten,
Vögel sangen in den Zweigen,
Und die ersten Blumen blühten.
Auch die Menschen kamen wieder
Aus den winterlichen Mauern,
Wanderten einher die Straße
Längs des Rheins, und jeder blickte
Still hinauf in Furcht und Neugier
Zu der Lei des Lurlenberges.

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler