IV. Salvetes Rat

Verschiedne Menschen hier auf Erden
Bescheint die Sonne, zaust der Wind;
So welche, die nie fertig werden,
Und welche, die stets fertig sind.
Den einen ruft die Morgenstunde
Mit ihren Vogelstimmen zu:
Wohlauf! ich habe Gold im Munde,
Erhebt euch früh nach sanfter Ruh!
Die andern legen auf die Kissen
Von Vogelfedern mehr Gewicht
Und wollen nichts von Lerchen wissen,
Des Sinns. wer schläft, der sündigt nicht.
Nun aber Freund dem Lerchenschlage,
Die Fischersleut in Sankt Goar
Es nie versahn, daß mit dem Tage
Auch Tages Werk begonnen war.
Da sitzen sie in trauter Gruppe
Nach Sonnenaufgang froh und frisch
Bei ihrer guten Morgensuppe
Und ihrem Schwarzbrot um den Tisch.
Vornan der Peter; ihm zur Rechten
Salvete, seine Mutter, schon
In hohen Jahren, grauen Flechten,
Mit Heinrich, seinem starken Sohn.
Dem Fischer wiederum zur Linken
Dankmod, sein Weib, nicht jung, nicht alt,
Achtsam gefällig seinen Winken
Und von behäbiger Gestalt.
Dann Lurlei, zwar in schlichtem Kleide,
Doch in der Schönheit Glanz und Stolz,
Den andern recht zum Unterscheide,
So fremd, so aus ganz anderm Holz,
Als würd' in diesen Linnenfalten
Von denen, die hier um sie sind,
Geflissentlich versteckt gehalten
Ein unbewußtes Fürstenkind.
Ordnung beherrscht die Fischerhütte,
Blitzblank ist Hausrat und Geschirr,
Im Garten stehen Trog und Bütte
Und hängt der Netze kraus Gewirr.
Und Eintracht waltet, Fleiß und Frieden,
Ein jeder weiß, was er zu tun,
Denn jedem ist sein Teil beschieden,
Und nach der Arbeit darf er ruhn.
Heut aber ist es nicht wie immer, –
Verschob sich etwas unterm Dach?
So schweigsam war das Frühstück nimmer
Im braungebälkten Wohngemach.
Wohl liegt den Hausgenossen allen
Der gleiche Gegenstand im Sinn,
Doch jeder gibt sich nach Gefallen
Den eigenen Gedanken hin.
Worüber alle grübeln mußten,
Ward auch nicht einer daraus klug,
War Lurleis Fahrt, seitdem sie wußten,
Wen außer ihr der Nachen trug.
Als Peter nach dem Morgensegen
Sie fragte, wer denn mit ihr war
Auf ihren späten Wasserwegen,
Gab sie zur Antwort: »Graf Lothar«.
»Der Graf von Katzenellenbogen?«
Frug Peter Sandrog wiederum,
Als hätt' ihn sein Gehör getrogen,
Und alle blickten bang und stumm.
Lurlei erwiderte gelassen
Mit einem festen, trocknen »Ja!«
Die andern wußten's kaum zu fassen
Und saßen voller Neugier da.
»Wie kam's?« –Noch suchte sie zu wahren,
So ausgefragt, der Ruhe Schein
Und sprach. »Er bat mich, ihn zu fahren,
Ich schlug's nicht ab, und er stieg ein.«
Kurz angebunden klang's dem Alten,
Und übellaunig frug er jetzt:
»Pflegt ihr das öfter so zu halten?
War's nicht zuerst und nicht zuletzt?«
Nun über Lurleis Antlitz flammte
Ein helles Rot, das rasch verblich,
Dahin entfloh, woher es stammte,
Und einer tiefen Blässe wich.
»Es war das erste Mal, – das letzte
Wird es wohl nicht gewesen sein!«
Mit trotz'gen Lippen sie versetzte
Und hielt dann atemwallend ein.
Der Blick, der Ton, der Zug am Munde,
Den ihren aus der Jahre Lauf
Bekannt schon, riet: auf weitre Kunde,
Als dies, gebt jede Hoffnung auf!
Der Fischer wechselte verdrossen
Mit Dankmod einen Blick und schwieg;
Auch Heinrich hielt den Gram verschlossen,
Der ihm aus schwerem Herzen stieg.
Salvete nur, die Alte, grinste
Beim Essen mit vergnügtem Sinn
Und schielte seitwärts, lauscht' und blinzte
Aufmunternd nach der Jungfrau hin,
Die still und fürder ungeschoren
Hantierte, als ob nichts geschah,
Und ab und zu wie traumverloren
Durchs Fenster in das Blaue sah.
Nach dem gestörten Frühmahl eilten
Die Männer auf den Fang hinaus,
Die beiden Frauen aber teilten
Die Arbeit unter sich im Haus.
Salvete wollte Netze flicken
Und winkte Lurlei heimlich zu,
Doch Dankmod sah das Mädchen nicken
Und sprach: »Nachher; jetzt bleibe du! –
Ich habe dir ein Wort zu sagen,«
Fuhr sie dann fort, mit ihr allein,
»Lurlei, mich kümmert dein Betragen,
Mit Graf Lothar das Stelldichein.
Mit jungen Rittern pflegt ein Mädchen
Von Sitt' und Anstand nicht Verkehr,
An einem dünnen, dünnen Fädchen
Hängt einer Jungfrau Ruf und Ehr.
Solln sie mit Fingern auf dich zeigen:
Das ist des Grafen Liebste, seht!?
Willst du verlegen stehn und schweigen,
Wenn Schmähwort über dich ergeht?«
Das Haupt gesenkt, in Scham befangen
Stand Lurlei zitternd und bewegt,
Wie Purpur glühten ihr die Wangen,
Ihr Busen wogte, tief erregt.
»Lieb Mutter,« sprach sie, »kannst es glauben,
Es ging in Zucht und Ehren zu,
Der Graf hat nicht im Sinn, zu rauben
Mir Frohmut und Gewissensruh.«
»Das, liebe Tochter, will ich hoffen,«
Sprach Dankmod, »daß es nicht zu spät,
Doch ist, wirst du mit ihm betroffen,
Des Argwohns Same schnell gesät.
Du darfst es niemals wieder wagen,
Mit Graf Lothar allein zu sein,
Denn hört' ich Übles von dir sagen,
Ich könnt' es nimmer dir verzeihn.«
Da legte flugs die runden Arme
Um Dankmods Hals die schöne Maid,
»Lieb Mütterlein, – daß Gott erbarme!
Nie mach' ich dir solch Herzeleid!
Doch warum gleich dich so betrüben?
Unnötig ist es, daß du bangst,
Denn mit dem jungen Grafen drüben,
Vor dem – da habe keine Angst!«
So sprach sie bittend, schmeichelnd, scherzend,
Mit stürmisch wilder Zärtlichkeit
Dankmod in ihren Armen herzend,
Zu jedem Übermut bereit.
Die Mutter mußte mit ihr ringen,
Sich von dem Kobold zu befrei'n
Und rief: »Könnt ich's nur fertig bringen,
Einmal recht bös' auf dich zu sein!«
Dann gab sie mit der Hand, der flachen,
Ihr einen leichten Backenstreich,
Und Lurlei sprang mit hellem Lachen
Hinaus ins grüne Gartenreich.
Dort schlenderte die Sorgenlose
Vergnügt einher die Weg' entlang,
Blieb stehen, roch an eine Rose
Und freute sich und summt' und sang. 

Es waren zwei Nachbarskinder,
Die hatten sich heimlich lieb,
Daß eines jeden Sehnen
Dem andern verborgen blieb. 
Keins bracht' es über die Lippen,
Wovon das Herz ihm schwer,
Vergingen vor Lieb' und Leide,
Ertrugen es nimmermehr. 
Er wollte fürbaß wandern
Weit weg mit seinem Weh,
Sie wollte sich Ruh verschaffen
Daheim im tiefen See. 
Sein Weg führt' ihn vorüber,
Wo sie am Ufer stand,
Da mußt' er ihr doch bieten
Zum Abschied noch die Hand. 
»Was tust du hier am Wasser
Und starrst hinab zum Grund?«
»Wohin hast du's so eilig
In früher Morgenstund?« 
»Ich zieh' in alle Ferne,
Denn eine liebt mich nicht;
Ich will sie nicht mehr sehen,
Weil's mir das Herze bricht. 
»Und ich will hier mich betten,
Weil einer mich nicht mag;
Ich kann nicht ohn' ihn leben
Noch einen einzigen Tag.« 
»Sag' mir. wer ist zum Sterben
Der Schelm, der dich verschmäht?«
»Erst sag'. wer ist die Spröde,
Die dir zum Wandern rät?« 
»Sie steht mit bleichen Wangen
An tiefen Wassers Rand.«
»Und er mit düstern Augen
Will fort in fernes Land.« 
Sie sahn sich an mit Blicken, –
Nichts mehr von Tod und Weh!
Er ging nicht in die Fremde
Und sie nicht in den See. 

Salvete saß bei ihren Netzen
Und winkte Lurlei nun herbei,
Sich doch hier neben sie zu setzen
Zu ihrer Maschenflickerei.
Sie frug. »Was hat es denn gegeben?
Hat Mutterchen dich ausgezankt?«
Doch Lurlei sagt': »Es ging noch eben,
Und herzlich hab' ich ihr gedankt.«
Nichts weiter sprach sie, sondern schaute
Nachdenklich von dem Gartenplatz,
Wo funkelnd Blatt und Blume taute,
Gradaus hinüber nach Burg Katz,
Die hoch auf steilen Felsen thronte,
In der als Burgherr Graf Lothar
Mit seinem Ingesinde wohnte,
Und wo jetzt tageshell und klar
Sie jenes Fenster auch erkannte,
Aus dem Lothar ihr in der Nacht
Den Lichtstrahl übers Wasser sandte;
Das hielt ihr Blick nun scharf bewacht.
Salvete sah's, und was zu wissen
Sie lüstern war, jetzt wußte sie's:
Aha! Fischlein hat angebissen
Und zieht und zappelt nun! sie ließ
So fallen, um mal anzuklopfen.
»Wie doch die Burg den Felsen ziert!
Hat Schweiß gekostet manchen Tropfen
Und andres, was die Welt regiert.
Ist das ein Schloß! da mag's behagen
Der künftigen Gebieterin!
Man hört ja Wunderdinge sagen
Von all der Pracht. Warst du schon drin?« 
»Ich? nein! wie sollt' ich?« – »Ei, ich dachte.
Doch freilich, dafür ist gesorgt,
Daß unsereins so hoch nicht trachte;
Nun, Grafenstolz ist auch geborgt.« 
»Stolz? stolz ist Graf Lothar mitnichten!« 
»Nicht stolz? sieh mal! das hör' ich gern!
Die Welt ist schlecht, Stolz anzudichten
Solch einem lieben jungen Herrn!
Hat der im Kopf auch ein paar Augen!
Die leuchten ja von Glut und Glast,
So rechte – rechte Grafenaugen,
So welche, wie du selber hast.
Wem wird, sein eigen ihn zu nennen,
Wohl dermaleinst beschieden sein?
Was red' ich denn?! mußt ihn ja kennen,
Fuhrst ihn ja gestern übern Rhein!«
»Er kam,« sprach Lurlei, »aus den Bergen
Und suchte, müde von der Jagd,
Zum Übersetzen einen Fergen,
Gleichviel, ob Schiffsknecht oder Magd.
Zufällig sah er mich im Nachen
Diesseits am Ufer, winkt' und bat,
Da fuhr ich ihn – was sollt' ich machen?
Schnell über, weil ich's gerne tat.« 
»Natürlich! hm! er kam vom Jagen,
So spät! verirrt im Dunkeln gar!
Ich hätt's ihm auch nicht abgeschlagen,
Zumal er schon so müde war.
Erzählt' er dir auch Jagdgeschichten,
Märlein, hübsch ausgedacht mit List,
Um nicht in Wahrheit zu berichten,
Was einem so begegnet ist?«
Lurlei ward rot und fiel vergnüglich
Doch in Salvetes Lachen ein
Ob jenem Zufall und bezüglich
Der schnellen Überfahrt zu zwei'n.
»Erinnre dich,« begann aufs neue
Salvete nun, »an einen Streich,
Nach dem du Tränen hatt'st und Reue
Und ein Versprechen gabst zugleich.
Du warest halb so alt wie heute,
Und Abend war's, der Vater kam
Vom Fang zurück mit reicher Beute,
Die er nur aus dem Nachen nahm
Und eilig in den Kasten setzte
Am Ufer hier, daß für die Nacht
Die Fische fließend Wasser letzte,
Bis man zu Markte sie gebracht.
Früh schwamm der Kasten angekettet,
Voll Wasser zwar, sonst aber leer,
Die Fischlein hatten sich gerettet,
Darin war keine Gräte mehr.
›Wer hat den Deckel aufgelassen?‹
Frug nun der Vater streng und ernst,
›Heinrich, daß du doch aufzupassen
Dich nicht gewöhnen kannst und lernst!‹
Und über ihn, der sich verwahrte,
Erging ein ziemlich Strafgericht;
Die schuld war, leugnete und sparte
Dem Ärmsten seine Rüge nicht.
Du hatt'st am Kasten spät gesessen,
Ich wußt's, doch an dir dummen Ding
Hatt' ich schon meinen Narr'n gefressen,
Schwieg drum und ließ es gehn, wie's ging.
Dann aber nahm ich dich beiseite,
Und du bekanntest, aus Versehn
Hätt'st abends du die Läng' und Breite
Den Deckel offen lassen stehn.
Nie wieder sprächst du eine Lüge
Und wolltest, was es immer sei,
Womit dein Herz sich heimlich trüge,
Mir stets vertrauen frank und frei.«
Schon während der Erzählung machte
Lurlei ein schelmisches Gesicht,
Und nun – »Großmütterchen!« sie lachte,
»Die Wahrheit war das auch noch nicht.
Nicht aus Versehn blieb unverschlossen
Der Kasten, nein! ich deckt' ihn auf
Und dreht' ihn um, und hurtig flossen
Die Fischlein fort im freien Lauf.
Laßt euch nicht noch einmal erwischen!
Sagt' ich zu ihnen, denn so gut
Bin keinem Tier ich wie den Fischen,
Den Schwimmern in der kühlen Flut.«
»Was?!« rief die Alte, »doch gelogen?
Den ganzen Fang vertan im Nu
Und mich dabei noch aufgezogen?
Das ist zu toll! Du Racker, du!«
»Ja!« lachte Lurlei, »doch erwäge,
An Fischen wahrlich nie gebricht's,
Und Heinrich kriegte keine Schläge,
Das bißchen Schelte war ja nichts.
Dafür sollst du nun auch erfahren,
Was gestern ich im Boot bestand,
Die ich bei dir in jungen Jahren
Stets guten Rat und Vorschub fand.«
Und nun erzählte sie der Alten,
Ihr näher rückend, treu und wahr
Und ohn' ein Wort zurückzuhalten,
Haarklein die Fahrt mit Graf Lothar.
Salvete war mit allen Ohren
Ganz bei der Sache, und es ging
Nicht das geringste ihr verloren,
Wie alles so zusammenhing.
»Hast ihm doch keinen Kuß gegeben?«
War ihre erste Frage dann,
»In einer steten Hoffnung schweben,
Doch nichts erreichen muß ein Mann.
Sehnsucht wird dadurch nur genähret,
Daß man mit Gunstbezeigung geizt,
Was man zu leicht, zu früh gewähret,
Nutzt ab, doch das Verbotne reizt.
Laß ihn vor deinen Lippen stehen
Als Bettler eine lange Frist,
Laß Nacken, Arm und Fuß ihn sehen
Und zeig' es ihm, wie schön du bist.
Laß listig des Gewandes Falten
Ihm mehr verraten, als verhülln,
Doch klüger ist's, ihn hinzuhalten,
Als sein Verlangen zu erfüllen.« 
Auf niedrem Schemel saß die Junge
Und horchte zu der Alten auf,
Wie diese mit geläuf'ger Zunge
Sie unterwies im Liebeskauf.
Doch ohne jetzt den Blick zu heben
Sprach sie. »Großmütterchen, den Kuß, –
Ich hab' ihn ihm ja nicht gegeben, –
Doch daß ich dir's gestehen muß, –
Nur ungern hab' ich ihn verweigert
Dem ritterlichen Grafensohn,
Und hätt' er sein Begehr gesteigert,
Wer weiß –? Ich glaub', ich lieb' ihn schon.«
»Schad't nichts! schad't nichts! nur nicht gleich küssen!«
Lacht ihr Salvet' ins Angesicht,
»Wirst noch manch andres lernen müssen,
Das Küssen ist das schwerste nicht.
Doch wie du auch darüber denkest,
Trag's Köpfchen hoch nur früh und spat,
Stolz schlägst du einst, die jetzt du senkest,
Die Wimpern auf; kommt Zeit, kommt Rat.«
Dem Mädchen klang's wie Glockenläuten,
Wenn man nicht weiß woher, wohin,
Drum sagte sie. »Kann mir's nicht deuten,
Verstehe nicht der Worte Sinn.«
»Ist auch nicht nötig,« sprach Salvete,
»Sei du nur pfiffig und gewitzt,
Daß unentrinnbar dir in Stete
Das Gräflein an der Angel sitzt.
Hast dir Bedenkzeit ausgebeten;
Das war gescheit, du kannst ihm nun
Schon ein klein wenig näher treten,
Doch zu verliebt darfst du nicht tun.
Zeig' immer noch dich etwas spröde,
Jedoch mit Maßen, nicht zu sehr,
Und ist er danach gar zu blöde,
Gewährst du gleich ihm etwas mehr.
Brauchst ihm nicht alles abzuschlagen,
Stets auf der Hut nur mußt du sein,
Kein unbedingtes Ja zu sagen
Und kein unwiderruflich Nein.
Am besten ist's, wir Zwei befinden
Nach jedem Mal, daß ihr euch seht,
Wie wir den edlen Falken binden,
Daß er uns nicht von dannen geht.«
»Du sprichst,« seufzt Lurlei, »von Entweichen,
Und die Gefangene bin ich,
Mir sagt' ein wundersames Zeichen,
Daß er Gewalt hat über mich.
Er sandte gestern aus dem Bogen
Des Fensters dort im Burggemach
Durchs Dunkel glänzend auf den Wogen
Mir hellen Lichtes Zauber nach.
Der hielt mich fest wie goldne Ketten
Im Boot, und als ich draus entsprang,
Konnt' ich mich doch nicht davor retten,
Ich war in seines Geistes Zwang.«
»Schön! schön, mein Liebchen! gute Märe!«
Freut sich die Alte, »nun gib acht,
Daß ich das Wunder dir erkläre,
In Lieb' und Huld dir dargebracht
Von seiner Gnaden. Es bedeutet
Ein helles, ja ein glänzend Los,
Das klug erfaßt und ausgebeutet,
Dich einsetzt in des Glückes Schoß.
Er will sich strahlend an dich drängen,
Dich an sein Herz unlöslich ziehn,
Mit goldnen Ketten dich behängen,
Du sollst ihm nimmermehr entfliehn.
Hof halten sollst du, Feste leiten
Mit Blick und Wort und hohem Mut,
Zur Jagd und Beize mit ihm reiten
Im Schleier und im Federhut.
Kurzum, du wirst Frau Gräfin werden,
Der alles zu Gebote steht,
Was man nur wünschen kann auf Erden,
Und die in Samt und Seide geht.
Zum Vollmond siehst du ihn ja wieder,«
Fuhr sie dann augenzwinkernd fort,
»Dann denke, steigt er zu dir nieder,
Der guten Lehren Wort für Wort.«
Doch Lurlei sagte halb verloren
So vor sich hin: »Wie soll das gehn?
Die Mutter hat mich drum beschworen,
Es sollte niemals mehr geschehn.«
»Ach was denn! auch noch lang besinnen!«
Rief jene ungeduldig aus,
»Nur dreist! ich helfe dir von hinnen
Und lasse wieder dich ins Haus.
Man hängt's nicht jedem auf die Nase,
Wohin man seine Schnüre warf,
Wer fragt denn Mutter, Muhm' und Base,
Ob er zum Liebsten schleichen darf?«
Lurlei sah in Gedanken sitzend
Hinüber nach dem Grafenschloß,
Dann auf den Strom, der wellenblitzend
Im Sonnenschein vorüber floß.
Nun sprang sie auf. »Ich muß mich regen,
Zu rasch kommt's über mich herein,
Ich muß auf unbetretnen Wegen
Allein mit meinem Herzen sein.«
So sprach im Aufruhr der Gefühle
Die Jungfrau, schritt dem Rheine zu
Und sucht' in schatt'ger Waldeskühle
Vor Liebesandrang Rast und Ruh. 
Salvete schob das Netz zur Erde,
Die Hände faltend überm Knie
Und mit frohlockender Geberde
Lurlei nachblickend sagte sie:
»Ein Netz geflickt und eins gesponnen,
Das auch so bald nicht wieder reißt,
Sie wird in Glück und Glanz sich sonnen
Wenn sie auch nicht – Frau Gräfin heißt.«

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler