IX. Mondnacht

Nun herrscht in ihrer stillen Pracht
Die helle, klare Vollmondnacht.
Der leichte Nebel ist verraucht,
Im Süden schwebt wie hingehaucht
Ein zart Gewölk mit lichtem Saum,
Gekräuselt und gewellt wie Flaum.
Sonst freier Himmel, blauer Duft,
Durchsichtig eine silberne Luft,
Im grenzenlosen Raumgefild
Einsam des Mondes blanker Schild,
Und über ihm in schwindender Ferne
Matt, eifersüchtig blinzelnde Sterne.
Was massig in die Höhe strebt,
Sich körperlich vom Grunde hebt,
Tritt deutlich vor, vielfach gestaltet,
Von kräft'gen Schatten tief durchfaltet,
Das Waldgebirg, die Felsenwand,
Die Rebenhänge, das Uferland,
Der Burgen wettergrau Gestein,
Die Stadt mit ihren Giebelreih'n,
Das ganze Tal ist weit und breit
Mit aller seiner Herrlichkeit
Glanzüberstrahlt und überflossen,
Von hohen Zaubers Ring umschlossen
Und dazu mitten drin der Rhein!
Der Rhein im vollen Mondenschein!
Die Wellen schäumen, steigen und sinken,
Sie leuchten auf und blitzen und blinken
Dem goldnen Rundgesichte zu,
Das niederschaut in kühler Ruh.
Der Freund der Nacht am Himmelszelt
Gebietet seiner eignen Welt.
Was in des Waldes Dämmer lebt,
Was in den Lüften spinnt und webt,
Was in den Blumenkelchen treibt
Und unten in der Tiefe bleibt
Am Tag verborgen und verschwiegen,
Im Vollmond kommt's heraufgestiegen,
Darf sich entschleiern und enthüllen,
Die Nacht mit seinen Wundern füllen.
Wie sich die Wellen heben und neigen,
Sich fliehn und fahn und schwingen im Reigen
Ertönt mit gleichmaßhaltendem Klang
Geflüster nun wie Nixensang. 

Wir kommen gezogen
Selbander daher
Und wallen und wogen
Vorüber zum Meer.
Wir biegen und schmiegen
Uns wonnig im Wiegen,
Wir tanzenden Wellen,
Wir tauchen und schnellen
Von einer zur andern
Herauf und hernieder,
Wir wandern und wandern
Und kehren nicht wieder,
Nie wieder, nie wieder.
Wir wollen nicht knüpfen
Ein lästiges Band,
Wir Leichten entschlüpfen
Und halten nicht stand.
Was heute versprochen,
Wird morgen gebrochen,
Wir lassen mit Schwören
Uns nimmer betören.
Und wenn wir es sehen
Die Menschen so machen,
Wir bleiben nicht stehen,
Wir laufen und lachen
Und lachen und lachen. 

Lurlei, nun außen auf dem Rhein
Im kleinen Boote ganz allein,
Fährt langsam durch des Wassers Lauf
Mit leisem Ruderschlag stromauf,
Als würd' ihr Nachen in den Wogen
Von unsichtbarer Hand gezogen.
Wie andre vogelsprachekund,
Ist ihr vertraut der Wellen Mund;
Doch was ihr die geschwätz'gen Zungen
In übermüt'gem Spott gesungen,
Mag sie den Flüchtigen nicht glauben,
Läßt sich des Herzens Ruh nicht rauben
Sie blickt beseligt hin zum Land,
Wo sie mit dem Geliebten stand,
Ruft seine Worte sich zurück,
Was er gesagt von Lieb' und Glück,
Und hört noch einmal seinen Schwur,
Mit dem sie froh von dannen fuhr.
Im Jubel, der sich innen zwängt,
Sich laut ihr auf die Lippen drängt,
Hebt sie der Stimme Kraft und singt,
Daß auf dem Rhein die Nacht erklingt. 

Die ihr hoch hernieder schaut,
Freundesmild aus blauer Ferne,
Denen Lust und Leid vertraut,
Sanfter Mond und goldne Sterne,
Laßt mich euch erjauchzend sagen,
Was allein zu schwer zu tragen:
Den ich liebe, der ist mein,
Mein ist er, und ich bin sein! 
Ach, ich hatte nicht gedacht,
Mir der Liebe Glück zu wahren,
Und nun hat's in stiller Nacht
Mein erschüttert Herz erfahren.
Wie's in Freuden klopft und klinget,
Wie's in Schmerzen rast und ringet,
All das süße Weh der Brust,
Nur wer liebt, dem wird's bewußt. 
Neues Leben, neuer Sinn
Ist mir fröhlich aufgegangen,
Alles, alles geb' ich hin,
Liebeswonnen zu empfangen.
Schwingt euch auf, ihr holden Träume,
Fliegt durch alle Himmelsräume,
Hoffe, Herz, und sei bereit,
Liebe, Lieb ist Seligkeit! 

Weit in die Runde geht der Schall
Und kommt zurück im Widerhall,
»Ist Seligkeit!« ruft übern Rhein
Vom hohen Ufer das Gestein,
Und Lurlei dünkt's ein gutes Zeichen.
Doch wie die Well'n das Boot bestreichen,
Es höher heben, schneller tragen
Und stärker an die Planken schlagen,
Da horch! von neuem quillt empor
Gemurmel und Gesang im Chor. 

Weh, wer sich verschworen
Mit wallendem Blut!
Es ging ihm verloren
Das herrlichste Gut.
Er hat sich fürs Leben
Der Freiheit begeben,
Ihn drücket die Treue,
Ihn martert die Reue.
Oh löse behende
Die bindenden Eide,
Sonst wird dir ohn' Ende
Die Liebe zuleide,
Zuleide, zuleide! 

Lurlei vernimmt den argen Rat
Zu schnödem Treubruch und Verrat;
»Ihr falschen, kalten!« schilt sie laut,
»Ihr, denen keine Seele traut,
Weil, nur mit Unbestand begabt,
Ihr selber keine Seele habt,
Was wisset ihr von Liebesglut,
Von Treue, die im Herzen ruht!
Ich kann eu'r trügrisch Mahnen missen,
Will nichts von eurer Weisheit wissen.«
Die Wellen sprangen keck empor
Und lachten und schwatzten nach wie vor.
Sie ist im Innersten erregt,
Weiß kaum, wie sie zurückgelegt
Den Weg von jenem stillen Port,
Wo sie gelauscht der Liebe Wort.
Die Wasser immer wilder sausen
Und lauter, immer lauter brausen
Die Wirbel schon im engern Kreis,
Und weithin glänzet silberweiß
Der Gischt, der um die Felsen spritzt,
Im Mondlicht wie Demanten blitzt.
Schon ist dem Lurlenberg sie nah,
Und unhold, schaurig ist es da.
Beschattet ragt die hohe Wand,
Graudüster von des Sturzes Rand
Bis nieder in die tiefe Schluft,
Daß grell sich abhebt von der Luft
Und vom Geländ im hellen Schein
Ihr schroffes, kantiges Gestein.
Wo näher sich die Ufer stehn,
Steil aus der Flut zur Höhe gehn,
Ist halb das Strombett monderhellt
Und halb in Dunkelheit gestellt,
Und wo das Licht dem Wasser fehlt, –
Wer weiß, was ihm die Nacht verhehlt! 
Doch Lurlei in Gewühl und Graus
Fühlt unverzagt sich wie zu Haus.
Sie sieht in Ruh der Wellen Tänze
Und hält den Nachen auf der Grenze
Von Licht und Schatten, sitzt und sinnt,
Wie' s um sie wogt und quirlt und rinnt.
Auf einmal klingt es aus der Tiefe,
Als ob es ihren Namen riefe, –
»Lurlei!« – sie horcht; es war wohl Trug,
Am Felsenhang des Windes Zug;
Bald aber ruft es noch einmal,
Und lauter dringt es durch das Tal:
»Lurlei!« – wie deutlich sie's vernahm,
Weiß sie doch nicht, woher es kam.
Hier Menschenstimme, laut und klar?
Ist hier ein Schiffer in Gefahr?
Bei Nacht? und einer, der sie kennt?
Um Hilfe ruft? bei Namen nennt?
Da schallt zum dritten Male schon,
So flehend, klagend jetzt der Ton:
»Lurlei!!« – nun schreit sie selber auf
Angstvoll in wilden Wassers Lauf:
»Wo bist du? wo? vertrau' auf mich!
Und sei getrost, ich rette dich!« 
Da sieh! da taucht ein blasses Weib
Vor ihr empor mit nacktem Leib,
Mit wasserhellem Augenlicht
Im jugendschönen Angesicht
Und einem Kranz von Wasserrosen
In ihrem Haar, dem langen, losen.
Sie winkt und schwimmt und zieht dabei
Den Nachen mit zu einer Lei,
Auf die der Mond hernieder schaut,
Wo wie gedämmt das Wasser staut,
Im Schutz der Felsenbank, und schwingt
Sich auf die Klippe, flutumringt.
Dort ruht halb sitzend sie, halb liegend,
Zu Lurlei sich hinüber biegend,
Die selber nicht zu reden wagt,
Die Bleiche nicht berührt noch fragt.
Von holdem Zauberhauch umwittert,
Von hellem Mondenstrahl umzittert,
Schweigt auch die Fremde noch und sinnt;
Doch wie zu sprechen sie beginnt,
Tönt süßer Wohllaut, tief erregt,
Von Schmerz und Freude gleich bewegt:
»Lurlei! – du wirst aus meinem Munde
Vernehmen so beschaffne Kunde,
Daß kaum du deinen Ohren traust;
Allein so wahr du mich hier schaust,
So wahr mein Haupt die Rosen trägt
Und dir ein Herz im Busen schlägt,
So wahr ist alles Wort für Wort,
Was ich dir sag' an diesem Ort! 
Ich bin eine Tochter des Vater Rhein,
Die selten grüßt des Tages Schein,
Nur in der feuchten Tiefe lebt
Und dort mit ihresgleichen schwebt;
Igorne heiß' ich, so im Grund
Nennt mich der Schwestern Nixenmund.
Du aber, die mich nie gesehn,
Die nie gehört mein jammernd Flehn,
Die fern von mir in Sonn' und Wind
Aufwuchs, – du bist mein leiblich Kind!
Du zweifelst; doch mir ist bewußt,
Da unter deiner linken Brust
Hast du ein Mal, das zart umkränzt
Gleich einer Schuppe silbern glänzt.
Und nun sieh her! dasselbe Zeichen
Ist auch an meinem Leib, dem bleichen.«
Wie sie sich aufreckt, rückwärts biegt,
Daß ihr das Haar zum Nacken fliegt,
Und mit der Hand zum Herzen weist,
Ihr schöner Körper glänzt und gleißt
Im vollen, klaren Mondenschein,
Gemeißelt wie aus Elfenbein. 
Lurlei, bestürzt und doch entzückt,
Erkennt das Mal, das beide schmückt.
Doch eh sie an das Wunder glaubt,
Obschon des Zweifels fast beraubt,
Spricht sie: »Du scheinst so jung wie ich,
Und Mutter nennen soll ich dich?«
Die andre lächelt wehmutsvoll:
»Weiß kaum, wie ich dir's sagen soll.
Wir Nixen bleiben ewig jung,
Doch wie dem Fisch der kecke Sprung
Aufs trockne Land, ist uns verderblich
Umgang und Bund mit dem, was sterblich.
Ich aber habe mich vergangen,
Ein Mann nahm einst mein Herz gefangen,
Ein edler Graf, – nie sahst ihn du,
Er schläft in seines Grabes Ruh
Im kühlen Kreuzgang der Abtei,
Hört nicht der Mönche Litanei
Vor seinem steingehau'nen Bild
Und seinem stolzen Wappenschild.
Weil er mich liebte, mußt' er sterben,
Nie hörst den Namen du von Erben.
Schwer hatt' ich meine Schuld zu büßen,
Vergeblich rang ich zu den Füßen
Des Vaters, aus des Unheils Ketten
Dich, meiner Liebe Pfand, zu retten.
Ich mußte dich vom Herzen geben
Hinauf zum Licht ins Erdenleben,
Voll Ungewißheit, welcherlei
Dein Schicksal bei den Menschen sei.
Da hab' ich, als es Vollmond war,
Dem lieben, guten Fischerpaar,
Dankmod und Peter, schmerzbewegt
Dich eines Nachts ins Netz gelegt.
Sie nahmen mild dich in ihr Haus,
Sie gaben für ihr Kind dich aus
Und haben weislich dir verschwiegen,
Daß du der Tiefe bist entstiegen;
Auch du mußt, was du heut erfahren,
Als dein Geheimnis streng bewahren.« 
Mit schwirbelnden Gedanken kämpft
Lurlei im Boot und spricht gedämpft.
»Eine Königstochter vom Vater Rhein
Ist meine Mutter? der Vater mein
Ein hochgeborner, edler Graf –?
Mir ist's wie Traum in tiefem Schlaf.«
»Ich habe,« fährt die Nixe fort,
»Dich oft gesehen hier und dort,
Ich habe, ohne daß du's weißt,
Im Rheine schwimmend dich umkreist,
Und wenn die Ruder du gesenkt,
Den Nachen dir stromauf gelenkt.
Ich durfte mich jedoch nicht zeigen,
Nur einmal in des Jahres Reigen
Darf ich zur Vollmond-Mitternacht
Mich dir enthülln aus eigner Macht.
Du aber kamst in all den Jahren
Niemals um Mitternacht gefahren,
Wenn voll der Mond am Himmel stand;
Nie konnt' ich fassen deine Hand,
Nie konnt' ich mich mit dir verbünden
Und wissend dir dein Schicksal künden,
Nie konnt' ich dir mit Warnung nahn
Vor dem, was heute du getan.« 
»Du kennst mein Schicksal? kannst mir sagen,
Wohin mich meine Wünsche tragen?« 
»Nicht in die Zukunft kann ich sehn,
Weiß nicht wie deine Sterne stehn,
Wenn aber eines wird geschehn,
Hast du nur einen Weg zu gehn.
Der Spruch ist dunkel, – hör' mich an!
Du liebst unsäglich einen Mann,
Und ich verstehe deine Glut,
Weiß selbst, wie Liebenden zumut.
Nun hast du zwischen zwei'n die Wahl,
Die scheiden sich wie Berg und Tal.
Zuerst. du kannst vielleicht auf Erden
Zufrieden einst und glücklich werden,
Wie du da bist mit Seel' und Leib
Als menschlich, irdisch, sterblich Weib.
Ob dir's gelingt, kann niemand sagen;
Willst aufs Geratewohl du's wagen,
So brauche deine Spanne Zeit
Zu Herzens Lust und Seligkeit.
Doch hast du in dem Licht der Sonnen
Genossen alle Lebenswonnen,
Dann bist in deinem Erdenwallen
Du rettungslos dem Tod verfallen,
Und in dem Kreislauf der Natur
Erlischt von dir die letzte Spur. 
Das ist das eine; höre nun
Das andre, wie die Lose ruhn. 
Als Tochter eines Staubgebornen
Gehörst du zu den Wegverlornen,
Als Enkelin des König Rhein
Kannst du von ew'ger Dauer sein.
Entschließe dich, herab zu kommen,
Und jubelnd wirst du aufgenommen,
Lebst endlos froh, den Schwestern gleich,
Als Nixe in der Tiefe Reich.
Jungfräulich aber mußt du bleiben,
Nie darf es dich zum Menschen treiben,
Der Liebe Glück mußt du entsagen,
Ein kaltes Herz im Busen tragen. 
Nun wähle! hier der Nixe Kranz,
Beständ'ger Jugend Blütenglanz,
Necklustig Lachen und Gewühl,
Doch liebeleer und dämmrungskühl.
Dort lichten Lebens Vollgenuß,
In Liebesarmen Minn' und Kuß,
Doch mit den Freuden auch die Not,
Der Schmerz, die Trennung und der Tod.«

So sprach Igorn. Die Sommernacht
Ergoß all ihre Märchenpracht.
Verdoppelt schien des Mondes Helle,
Und farbig blitzten Fluth und Welle
Wie Gold und Silber, grün und blau,
Hell schimmerte der Felsen Grau,
Das Wasser spiegelte und lockte,
Sogar sein wildes Brausen stockte,
Daß im Geräusch Igornes Ohr
Von Lurleis Antwort nichts verlor.
Die saß ergriffen und erfüllt,
Von dem, was ihr Igorn enthüllt,
Kaum fassend Wunders Wort und Sinn,
So stürmt's ihr durch die Seele hin.
Ein kurz Besinnen, – die Ewigkeit
Stand auf dem Spiel! – doch in dem Streit
Die Liebe schnell den Sieg errang,
Daß fest und rund die Antwort klang.
»Ich komme nicht zu dir hinab
Dein Reich ist nur ein wogend Grab;
Dem Liebsten hab' ich Treu geschworen,
Und wär' ich ewig drum verloren,
Ich will bis in den Tod hinein
Ihm ganz und gar zu eigen sein!«

In tiefes Leid dadurch gebracht,
Igorne sprach: »Ich hab's gedacht,
Es ist zu spät, und Lieb' ist blind.
Doch weißt du denn, geliebtes Kind,
Ob mit Lothar du glücklich wirst,
Dich nicht in seinem Herzen irrst?
Wenn nun Verstoßung und Verrat
Und Not und Pein und Übeltat
Dein Schicksal wär' im kurzen Leben,
Nachdem du dich in Lieb' ergeben,
Und hättest dafür hochbeherzt
Dein herrlich Nixenlos verscherzt?« 
»Niemals! eh fließt der Rhein bergan,
Eh treulos wird der beste Mann!
Ihm bring' ich meine Liebe dar,
Und kann ich nur ein einzig Jahr
Beseligt ihn in Armen halten,
So mögen feindliche Gewalten
Mich oder ihn dem Tode weihn,
War er nur mein, war ich nur sein!«
Aus jedem ihrer Worte sprang
Hingebungsvoller Liebe Drang,
Und auch Igornes Augen glänzten,
Als rief' Erinnrung der Bekränzten
Das einst vollauf genossne Glück
Ins arme Nixenherz zurück.
Doch flüchtig nur; ein Seufzer hob
Die weiße Brust, dann wieder wob
Sich tiefer Ernst um Stirn und Mund,
Fast strenge sprach sie, schmerzenswund:
»Lurlei, wohlan! du hast gewählt;
Wenn aber je dich Reue quält
Einst an der Seite Graf Lothars, –
Bedenk' es wohl! – dein Wille war's.
Daß ich zu lieben mich erkühnt,
Hab' ich mit harter Pein gesühnt,
Doch ich bin Nixe, kann nicht sterben,
Mich trifft kein endliches Verderben;
Hast du in Mannes Arm geruht,
Ist dir verschlossen unsre Flut,
Dann hilft kein Bitten dir und Flehn,
Dann mußt das Leben du bestehn.
Dir frei und offen bleibt jedoch
Der Weg zu uns, so lang' du noch
Als Jungfrau ihn beschreiten kannst
Und du dich selber nicht verbannst.
Nun fahre wohl! Du weißt genug,
Ursprung und Schicksal, Zug um Zug.
Was uns verhängt ist, muß geschehn;
Ob wir uns jemals wiedersehn,
Liegt in der Zukunft dunklem Schoß,
Und jetzt ist Scheiden unser Los.«
Aus ihrem vollen Kranze brach
Sie eine Rose dann und sprach:
»Das einz'ge, was ich geben kann, –
Schau sie zuweilen freundlich an.
Lurlei, – oh könnt' ich dich entführen!
Mein Mund darf deinen nicht berühren, –
Laß mich dein schönes, blondes Haar
Nur einmal streicheln, – ach! fürwahr,
Es fühlt sich an so voll und weich
Wie Nixenhaar, dem meinen gleich,
Hast's auch, wie den Gesang, von mir,
Kein Menschenmund singt so wie wir.
Lebwohl! und denk im Sonnenschein
An deine Mutter tief im Rhein!«

Schnell streckte Lurlei mit Verlangen
Die Arme vor, sie zu umfangen,
Doch schneller glitt vom Klippenrand
Hinab die Nixe und verschwand. –
Lurlei war einsam und allein,
Flott ward der Nachen vom Gestein,
Sie bracht' ihn aus der stillen Bucht
Zur Strömung mit des Ruders Wucht
Und fuhr durch Wirbel und Geschäum
Mit übervollem Herzen heim.

Julius Wolff - Lurlei - Eine Romanze

Loreley Online, Stand: 13-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler