Einleitung

Als in alten, fernen Zeiten
An dem Rhein die Römer fochten,
Und in langen, hartem Streite
Die Germanen unterjochten.

Pflanzten an besonnten Hügeln
Sie Italien's schönste Graben,
Reben aus den Südgefilden,
Sich am heim'schen Trunk zu laben.

Um Gedeihen zu erflehen,
Bauten sie am Strand des Rheines
Einen Altar, groß und prächtig,
Weihten ihn dem Gott des Weines.

Bacharach, Altar des Bachus,
Also nannten sie die Stätte,
Die sie festigten mit Mauern
Dies bis an des Stromes Bette.

Auch auf steiler Bergeshöhe
Schafften emsig viele Hände;
Unter'm Schlage schwerer Aexte
Dröhnten dumpf die Felsenwände.

Auf granit'nem Fundamente
Hoben bald sich starke Thürme;
Eisenfest erstand die Staleck,
Daß es Bacharach beschirme.

Später, als dann Karl der Große
Väterlich den Weinbau schützte,
Und das Schwert der Trachgaugrafen
Hilfsbereit auf Staleck blitzte,

konnte nichts mehr seinen Handel,
Nichts den Reichthum ihm gefährden;
Keines Ritters Raubgesinde
Konnte ihm verderblich werden.

Durch den mächtigen Dynasten
Hermann, Graf auf Staleck droben,
Ward die Stadt zum Stapelplatze
Alles Wein's im Gau erhoben.

In die Flucht den Feind zu schlagen
War ein Spaß dem kühnen Degen;
Freche Räuber, die sich zeigten,
Wußt´ er mit dem Stahl zu fegen.

Leider war der Durst nach Thaten
Selber ihm noch zu Verderben; -
Oder hattet, dunkle Mächte,
Ihr bestimmt ihm frühes Sterben? -

Ueber Ihn bei Barbarossa
Führten Ritter schwere klagen
Wegen Friedensbruch; - der Kaiser
Ihm befahl das Hundetragen.

Bis in's Innerste verwundet
Durch die schmählich bitt're Strafe
Fand zu Eberbach im Kloster
Bald er Ruh' im ew'gen Schlafe.

Nun Konrad von Hohenstaufen
Herrscht' in Staleck's festen Mauern;
Stets war es sein ernstes Streben
Daß der Glanz der Stadt mög' dauern.

Doch nicht immer mocht' er weilen
Hier im Gau; es zog in balde
Hin nach Heidelberg, zum Neckar,
hin zum fernen Odenwalde.

Seit der Zeit die Herrn von Staleck
Selten nur das Schloß besuchten;
Doch ihr Schutz war über Bach'rach,
Seinen Thälern, seinen Schluchten.

Denn ob weit auch nach dem Süden
Hin der Pfalzgraf zog von dannen;
Auf dem Schlosse wachte treulich
Doch der Vogt mit seinen Mannen.

Weh' dem Feinde, der es wagte
Bach'rach's Frieden schnöd zu brechen;
Schwer die Unbill ward geahndet
Durch den Vogt, der kam zu rächen.

Drum, weil hier nun wohlgehütet
Lag der Winzer Gut geborgen,
Brachte jeder seine Waare
her zum Markte ohne Sorgen

Und hierher die Käufer strömten
Fern aus deutsch' und welschen Landen;
Daher kam's dass alle Weine
Bald schon ihren Absatz fanden.

Mary Koch - Loreley Episch-Lyrische Dichtung in elf Gesängen

Loreley Online, Stand: 29-11-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler