Gesang I:  Das Winzerfest 1. Lied 

"Auf, Gesellen, auf, ihr Brüder!
Frisch zum Zuge sich verteilt!
Seht, schon kommt auf stolzem Rosse
Steinach, unser Vogt, geeilt."

Also ruft mit lauter Stimme
Dort auf Diebach's Wiesenplan
Hartwin Vois, des Zuges Führer,
Hurtig schaart sich Mann an Mann

Denn es gilt, das Fest zu feiern,
Das den Winzer hochbeglückt,
Wenn des Himmels reichem Segen
In der Ernte er erblickt.

An des Zuges Spitze treten
Mit dem rebumkränzten Stab
Festgeschmückt des Weinbergs Hüter,
Wehren rings die Menge ab.

Ihnen folgt mit stolzem Banner
Drauf der Bote Dagobert;
Stattlich stehn dem kühnen Recken
Schuppenpanzer, Helm und Schwert.

Dann mit rauschenden Fanfaren,
Mit Trompeten und Schalmei'n
Schreiten sieben Musikanten,
Durch ihr Spiel das fest zu weih'n.

Nun die Liebe, frohe Jugend
Einet jauchzend sich zum Chor;
Mit Girlanden grün umgürtet
Jubelt sie ihr Lied empor.

Jetzt auf rebbegränztem Wagen
Und mit Blumen reich geschmückt,
Kommt der Jungfrau'n Chor gezogen,
Deren Blick das Herz entzückt.

Lore, Meister Hartwin's Tochter,
Mit dem stillbescheidnen Sinn,
Tronet dort in ihrer Mitte
Als des Festes Königin.

Welche Huld, welch' süßen Zauber
Strömt ihr blaues Auge aus!
Und das Antlitz, welche Güte,
Welche Milde spricht daraus!

Strahlend ihres Festgewandes
Blütenweiße Seide blinkt,
Von der laubumwund'nen Stirne
Glühend eine Taube winkt.

Auf der Layer zarten Saiten
Ihre schöne Rechte ruht,
Und hernieder wallt der Locken
Fessellose, goldne Flut.

Ist's die Göttin? Ist es Hertha,
Die bei Lenzesanbeginn
Durch die Fluren fährt und Auen
Auf bekränztem Wagen hin?

Auf sie richten sich die Blicke,
Ist Sie doch die schönste Maid,
Die das Auge kann erschauen
An dem Rheinstrom weit und breit.

Dann auf buntbezierten Karren,
Mit begränztem Viergespann
Als des Herbstes erste Spende
Schwankt das Mostfaß schwer heran.

Jünglinge im Winzerkleide,
Mit Emblemen in der Hand,
Hüten rings die süße Gabe,
Reicher Ernte Unterpfand.

Auf geschmückten Rossen folgen
Ritter nun in mäß'gem Trab
Erst des Zuges edler Führer
Hartwin mit dem Rebenstab.

Dann kommt Heinrich von der Porten,
Nach ihm Barthel Ingelheim,
Peter an der Pusse dorten,
Auch der Freiherr von dem Stein.

Barthold Schildberg drauf, der Edle,
Aus ruhmwürdigem Geschlecht,
Graf von Diebach, jung an Jahren,
Doch gefürchtet im Gefecht.

Konrad Schöneck, Peter Hahnen,
Philipp, Herr von Hohenfels,
Vuderfat, der auf dem Hunsrück
Schon erjagte manchen Pelz.

Nun auf kräft'gem weißen Hengste
Kommt der Vogt; ihm zugestellt
Sind zwei gar gleiche Grafen,
Bassenheim und Degenfeld

Unter frohem Festgeläute
Geht der Zug durch Bach'rachs Tor,
Und die große Schaar des Volkes
Jauchzet "hoch!" im Jubelchor.

Durch die Straßen nach dem Markte
Strömt's dem alten Brauche treu,
Hin, wo als des Pfalzgrafs Wappen
Prangt der goldgekrönte Leu.

Mary Koch - Gesang I: Das Winzerfest

Loreley Online, Stand: 14-01-2004 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler