Gesang I:  Das Winzerfest 2. Lied 

Vor dem großen Rathaussaale,
Wo den Markt man überschaut
Ist, auf starken Trägern ruhend,
Die Tribüne aufgebaut.

Bunte Fahnen ringsum flattern,
Alles schmücken Rebgirlanden;
Blumen streuten fleiß'ge Hände
Überall, wo Raum sie fanden.

Dort inmitten aller Ritter,
Fern von jeglichem Gedränge,
Sitzt der Vogt und schauet lächelnd,
Huldvoll nieder auf die Menge.

Da erschallt's von tausend Lippen:
"Heil dem Pfalzgraf, dem Verehrten!
Heil auch seinem treuen Vogte,
Steinach, ihm, dem Edlen, Werthen!"

Und in frohen Feierklängen
Schmettern schallend die Trompeten,
Und die hellen Glockentöne
Stimmen ein in die Drommeten.

Nun tritt Kunz, der blonde Küfer,
Hin vor Steinach, tief sich neigend
Mit dem edlen Becher, während
Rings die Menge harret schweigend.

"Welches Land auf weiter Erde
Kann wohl schön're Schätze geben
Als des Rheines Berge spenden
In dem gold'nen Saft der Reben?

Frisches Blut bringt er den kranken
Müden ist der süße Labe,
Neuen Mut aus ihm noch schöpfet
Selbst der Greis an seinem Stabe.

Von den edelsten der Trauben
Haben wir den Most gezogen,
Dessen reiches Maß bekundet,
Daß der Himmel uns Gewogen.

Doch der erste Saft der Reben
Der gebührt dem Landesvater;
Drum, o Herr, laßt ihn euch munden,
Seid ihr doch der Pfalz Berater."

Drauf kredenzte er dem Vogte
Den Pokal mit art'gem Neigen;
Steinach hebt sich von dem Sitze -
Ringsum lagert tiefes Schweigen.

"Was die Erde schönes heget,
Sei, ihr Lieben, euch beschieden,
Euer Wohl ist's, das ich trinke,
Segen sei euch, Glück und Frieden!"

Und mit stillem Wohlbehagen
Hebt der Kelch er an die Lippen,
Reicht ihn dann den edlen Rittern,
Die mit Kennermiene nippen.

Nun die Winzer ringsum schenken
Von dem Most zu frohem Danke;
Alles jubelt, ist entzücket,
Labt sich an dem süßen Tranke.

"Hartwin, edler, treuer Ritter",
Ruft der Vogt und winket Stille,
"Sorge, daß die Festesfreunde
Uns're Täler ganz erfülle!

Du verstehst es ja wie keiner
Von den eig'nen Berggeländen
Uns die Krone des Genusses
In dem Feuerwein zu spenden.

Auf und laß aus unserm Keller
Holen von den besten Weinen,
Die im Rheingau sind entsprossen,
Koche uns den Trank, den reinen!"

Achtungsvoll verneigt sich Hartwin,
Wendet sich zu den Gefährten,
Die in freudiger Erwartung
Dieses Winkes längst begehrten.

Mary Koch - Gesang I: Das Winzerfest

Loreley Online, Stand: 26-12-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler