Gesang I:  Das Winzerfest 5. Lied 

Lautlos stehet rings die Menge,
Mancher wagt zu athmen kaum;
Hingerissen von den Tönen
Fühlt sich jeder wie im Traum.

Doch als nun das Lied geendet,
Als der süße Klang verhallt,
Da, gleich wilden Meereswogen,
Tausendstimmig Beifall schallt.

Und ein fremder Jüngling dränget
Näher sich zur Lore hin,
Schauet unverwandten Blickes
Auf die holde Sängerin.

Noch tönt in der Seele wieder
Ihm der Laute zarter Klang,
Und von seinem Ohre hallet
Noch der wundersame Sang.

Doch, wie wird bei ihrem Anblick
Erst das Herz ihm groß und weit!
Schnell er wendet sich zum Nächsten:
"Sagt, wer ist die schöne Maid?"

"Ach, ihr seid gewiß ein Fremder,
Da die Lore Vois nicht kennt,
Sie, die jeder junge Winzer
Nun die Blume Bach'rachs nennt."

"Habet Dank für eure Kunde!"
freundlich drauf der Jüngling spricht,
"Zwar bin Bach'rach ich kein Fremder,
Doch die Blume kannt' ich nicht."

Doch in Träumen ganz versunken
Eilt er aus dem Volksgewühl
Immer weiter, bis umfächelt
Bergesluft ihn rein und kühl.

Mary Koch - Gesang I: Das Winzerfest

Loreley Online, Stand: 26-12-2003 , Dipl. Ing. (FH) Rudolf Reckenthäler