Eine Annäherung an den Mythos Loreley
„Der schönste Landstrich von Deutschland“, sagt der Dichter Heinrich von Kleist, „an welchem unser großer Gärtner sichtbar con amore gearbeitet hat,
sind die Ufer des Rheins von Mainz bis Koblenz, die wir auf den Strome selbst bereiset haben. Das ist eine Gegend, wie ein Dichtertraum, und die
üppigste Phantasie kann nichts Schöneres erdenken als dieses Tal, daß sich bald öffnet, bald schließt, bald blüht, bald öde ist, bald lacht, bald
schreckt......“
Um den Dichtertraum wieder zu erkennen, muß man heute großzügig über manche Sünden der Neuzeit hinwegsehen, die sich in allen größeren städtischen
Ansiedlungen entlang des Rheins finden. Das enge Mittelrheintal bot jedoch wenig Platz für größere Industrialisierungsprojekte und wir können manchmal
noch ein Stück jener romantischen Idylle erkennen, die Dichter und Maler vergangener Jahrhunderte so faszinierte. Wenn die Hunsrück- und Taunusberge
hinter dem Bingerloch näher zusammenrücken, kann ein Ahnung aufkommen, wie Fluß und Mittelgebirge das Leben der Menschen in diesem steilen
Flußabschnitt über Jahrtausende geformt haben mögen. Ganz besonders eine Fahrt auf dem Rhein zwischen Kaub und
St. Goarshausen blieb bis zur Stromregulierung Ende des 19. Jahrhundert ein gefährliches Abenteuer. Sogar bis
in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert mußten die meisten Schiffer flußaufwärts die Dienste der Kauber Lotsen in Anspruch nehmen. Erst die
vollautomatischen „Warschau-Stationen“, die Ausstattung der Schiffe mit Radar und die Vertiefung der Fahrrinne haben den Lotsen zu einem allmählich
aussterbenden Beruf gemacht. Zwischen Oberwesel und St. Goarshausen, also vor der Loreley, ist der
Rheinlauf von vielen Felsen im Flußbett geprägt, die alle einen Namen und eine Geschichte haben, so z.B. die „Hungersteine“, der „Geisenrücken“ oder
die „sieben Jungfrauen“ und direkt an der Loreley weist der Rhein seine größte Tiefe am Mittellauf mit ca. 23 m Tiefe auf. Die vielen Strudel in
dieser Biegung haben immer wieder zu der Annahme geführt, daß der Rhein hier Wasser in unterirdischen Löchern verlieren könnte. Der seit dem 13.
Jahrhundert verbreitete Mythos, hier sei einmal der Nibelungenschatz versenkt worden, findet dadurch immer wieder phantasievolle Nahrung.
Heute können wir uns kaum noch vorstellen, wie beschwerlich und gefährlich das Transportieren von Lasten und Menschen auf dem größten Verkehrsweg
Deutschlands über viele Jahrhunderte war. In alten Chroniken wird berichtet, daß die zu Berg fahrenden Schiffe in
früheren Zeiten sogar in St. Goarshausen entladen wurden. Die Fracht wurde mit Pferdefuhrwerken über die Höhenstraßen nach Lorch oder gar nach
Rüdesheim gebracht, während die nun leichteren Schiffe über die gefährlichen
Strudel getreidelt wurden.
Über Jahrhunderte waren die Menschen wechselnden Burgherren, Bischöfen und Landesherren abgabenpflichtig, mußten Frondienste leisten und
Besatzungszeiten überstehen. Der 30-jährige Krieg und die Pest taten ein Übriges, daß aus Fischfang, den steinübersäten Weinbergen und kleinen Äckern
der ansässigen Bevölkerung kein großer Reichtum erwachsen konnte. Mächtig waren nur die Burgherren, allen voran die Grafen von Katzenelnbogen, die
über mehrere Jahrhunderte das Land beherrschten und durch geschickte Heiratspolitik ihre Besitztümer bis in den hessischen Odenwald erweiterten.
Die wechselvolle Geschichte hat es verhindert, daß sich in der Region ein Geschichts- oder Heimatbewußtsein entwickeln konnte und daher werden auch
heute noch historischen Dokumenten oder Bauwerken, gleich welcher Art, wenig Bedeutung zugemessen. Nicht von ungefähr wird die Idee des „Weltkulturerbes
Mittelrhein“ mehr von Zugezogenen und von staatlichen, politischen oder gesellschaftlichen Organisationen, denn von der hier ansässigen
Bevölkerung vertreten. Auch die Begeisterung heutiger Touristen oder die Landschaftsbeschreibungen und -gemälde berühmter Besucher der letzten
Jahrhunderte werden eher achselzuckend zur Kenntnis genommen, als daß man sich mit Stolz damit identifizieren würde.
Was aber machte und macht den vielfach besungenen Loreleyfelsen zum zentralen Anziehungspunkt, ja zum Ziel jedes Mittelrheinbesuchs? Diese
Fragen haben sich schon Generationen von Forschern jeglicher Couleur gestellt. Trotz viele interessanter Ansätze konnte eine umfassende oder
erschöpfende Antwort darauf bisher nicht gegeben werden.
Was gibt es an nachprüfbaren Informationen, die einen so großen Enthusiasmus und einen nicht nachlassenden Strom nationaler und
internationaler Besucher zu der Loreley rechtfertigen könnten? Die in den dreißiger Jahren gebaute Freilichtbühne mit seinen Konzerten oder
das Ausflugshotel oder die Jugendherberge? Vermutlich kaum. Brentanos Rheinsage oder das weltbekannte Gedicht von Heine und seine Vertonung durch
Silcher? Vielleicht schon eher, aber als Erklärung trotzdem nicht ganz befriedigend.
Die Namen Lurley oder Loreley sind seit dem neunten Jahrhundert überliefert und unter deren althochdeutsche Formen Lurlaberch, Lurlaberc und die
mittelhochdeutschen Entsprechungen Lurlinberg, Lurleberg, Lorberg und Lurberg [1] bekannt. Diese erste Erwähnung des Namens findet sich in den
Fuldaer Annalen, die teilweise von einem Mönch Ruodolf auf Veranlassung des Mainzer Bischofs Hrabanus geschrieben wurden. In seinen Bericht ist
handschriftlich, wohl zum besseren Ortsverständnis, der Name „mons lurlaberch“ eingefügt. Historiker, die diese Quelle untersuchten, gehen zwar
von einem späteren, nicht aber neueren Zusatz aus. Eine etwas spätere Quelle findet sich in den Liedern des im 13. Jahrhundert lebenden Dichters und
Minnesängers Conrad Marner, der in einem Spruch oder Gedicht den Lurlenberg erwähnt:
„ Stadt auf, Stadt ab wächst ihnen Wein
Ihnen dienet auch des Rheines Grund
Der Nibelungen Hort liegt in dem Lurlenberg“
Ab dem 15. Jahrhundert tritt die Bezeichnung häufiger auf. Über die Bedeutung des Namens gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Von lur,
luren als „lauern, heimlich hinsehen, spähen“ aus dem mittelhochdeutschen, spannen manche Betrachter den Bogen zum lauernden Felsen, d.h. dem Felsen,
auf dem die Bewohner lauerten, sei es, um durchfahrenden Schiffen aufzulauern, um sie zu überfallen, sei es um Feinde rechtzeitig zu
erspähen, oder auch zu der berühmt-berüchtigte Jungfrau, die lauernd auf dem Fels nach Opfern Ausschau hält. Andere Deuter haben den Zwergenkönig Laurin
mit ins Spiel gebracht, wobei sie auf eine Verwandtschaft von Laurin-luarin hinweisen und auf Grund von Sagen die Loreley als ehemals von Zwergen und
Elfen bewohnen Felsen, erklären.
Einen interessanten und weniger bekannten Deutungsversuch unternimmt Prof. Seyberth aus Wiesbaden. Er bringt den Wortstamm Lor-Lur mit der Göttin Holda
(Hulda, Frau Holle) in Zusammenhang. Auch ein Flußgott Lohra wird als Deutungsmöglichkeit in Betracht gezogen, wobei das Loreleyplateau Hauptsitz
des Lohra-Kultes gewesen sein soll.
.
Über den zweiten Namensteil -ley gibt es weniger unterschiedliche Ansichten. Auch heute noch wird im regionalen Sprachgebrauch der Begriff Ley
synonym für Schieferfels verwendet. Auf –ley endende Flur- , Orts- und Felsnamen sind im Hunsrück- Mosel- und Taunusgebiet recht häufig
anzutreffen. So hießen auch die Dachdecker hier noch gelegentlich Leyendecker und die Dachschiefer oder auch die Schiefertafeln sind die
Leyen. Interessanterweise sind die Leyen und die auf –ley endende Felsenbergnamen fast immer weiblich.
Einen weniger bekannten Deutungsversuch gab vor einigen Jahren ein keltischer Sprachforscher. Nach seiner Ansicht bedeutet die keltische
Silbe -lei-/-ley- „heilig“. Demnach wäre auch das der Loreley benachbarte Plateau Leiselfeld ein heiliger Ort. In der Bornicher Gemarkung befindet
sich auch noch ein Leiselbach, der jedoch nicht über das Leiselfeld führt.
Soweit die eher theoretische Seite, die noch einige spekulative Varianten beinhaltet, die hier aber nicht alle Erwähnung finden sollen. Es zeigt
jedoch, daß es eine riesige Anzahl von Ansätzen gibt, den Mythos Loreley ein Stück weit zu deuten, viele Forscher vermuten auf dem Felsen einen
vorchristlichen Kultplatz, der die Menschen seit jeher angezogen hat..
Wenden wir uns weiteren nachvollziehbaren Spuren zu: der Besiedlung in geschichtlichen Zusammenhängen.
Früheste Funde deuten auf eine Besiedlung des Hunsrücks und des Limburger Beckens vor 4 – 5000 Jahren. Im Neuwieder Becken finden sich weitaus ältere
Siedlungsfunde (Gönnersdorf ca. 10000 Jahre alt), die durch den fruchtbaren Boden dort erklärbar sind. Das Mittelrheintal und die umliegenden Höhen
bieten mehr steinige denn ertragreiche Böden und wurden vermutlich erst im Laufe der Bronzezeit besiedelt.
Menschen der Urnenfelder Kultur und nachfolgend der Hallstatt- und Latene-Zeit haben in der Region manche Spuren hinterlassen. Unzählige
Hügelgräber in den Wäldern, Metall- und Keramikfunde lassen auf eine mehr oder minder dauerhafte Besiedelung seit ca. 1600 v.Chr. zu schließen.
Als überregional bekannteste Funde aus keltischer Zeit aus der näheren Hunsrücker Umgebung gilt zum einen die Säule von Pfalzfeld (einem Ort
oberhalb St. Goar in der Nähe der heutigen A 61). Diese ursprünglich 2,80 m hohe, behauene Säule aus Buntsandstein stand wohl auf dem Grabhügel einer
herausragenden Persönlichkeit und ist mit jetzt noch 1,48 m Länge immer noch beeindruckend. Sie ist auf allen vier Seiten gleichartig mit
Pflanzenmotiven und maskenartigen Köpfen mit Palmettenbart und Schnurrbart verziert und steht heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. [2] (Die Kopie
der Säule steht übrigens im Museum der Burg Rheinfels). Zum anderen ist das keltische Adelsgrab von Waldalgesheim bei Bingen zu nennen, wo der Schmuck
der dort bestatteten Fürstin einer ganzen Stilrichtung den Namen gab. (der „Waldalgesheimstil“, 4.
Jahrhundert v. Chr.) [3]
Ein anderes Fundstück hebt sich noch aus dem weniger bekannten rechtsrheinischen Spektrum heraus: die etruskische Schnabelkanne aus einem
Brandgrab der Latene-Zeit in Oberwallmenach (Landesmuseum Wiesbaden) [4].
Alte Höhenwege beiderseits des Rheins (z.B. Trier – Saalburg ) endeten am Rheinufer einander gegenüberliegend und legen für manche Historiker eine
Furt zwischen St. Goar und St. Goarshausen nahe. Dies ist jedoch nicht nachzuweisen, statt dessen kann man möglicherweise schon in keltischer Zeit
von einer Art Fährbetrieb [5] ausgehen. Die Römer selbst hatten hier vermutlich einen befestigten Wachposten. Dies wird aufgrund von römischen
Mauerwerksfunden auf der Burg Rheinfels geschlossen. Auch könnte es oberhalb von
St. Goar bei Biebernheim (Bibrum) einen Tempelbezirk gegeben haben. Für diesen sprechen die dort gefundenen Miniaturkrügelchen und Öllämpchen (ausgestellt im Museum auf der Rheinfels).
Nachweislich gab es sowohl auf der Loreley, als auch auf dem benachbarten Felssporn Heide eine befestigte Siedlung oder Wehranlage [6]. Der
Abschnittswall auf der Loreley war noch 1905 teilweise in 80 cm Höhe und bis zu 4 m Stärke vorhanden und wurde von dem Lahnsteiner Lehrer und
Heimatforscher Bodewig zwischen 1882 und 1905 untersucht. Die römisch germanische Kommission, die 1905 die Loreley besichtigte und
untersuchte, fand einen erhöhten Platz mit Pfostenlöchern, die zur „Anlegung
von Wohnstätten benutzt worden waren“, „ein System der Bauten konnte jedoch
in dem felsigen Gebiet nicht gewonnen werden“. Sie fanden auch eine Feuerstelle mit Scherben und Knochen, sowie „verbrannte Wandstücke mit
glatter Fläche“... „sonst zeigte sich in langen Schnitten keine Spuren von weiterer Besiedlung“ Die Scherben wurden in die Wende von der Bronze- zur
Hallstattzeit datiert. Die Archäologen nehmen an, daß sich ein größeres Gehöft hier befunden haben muß, mit einem durch einen Wallgraben geschützte
Vorzone, wo in Gefahrenzeiten auch die benachbarten Familien und das Vieh aufgenommen werden konnten. Durch den Bau des Hotels und des Turner- und
Jugendheims sind heute fast keine Spuren mehr sichtbar. Oberhalb des Felssporns von der Loreley liegen fruchtbare Äcker und daran
angrenzend noch höher zieht sich der „Obenhard“ hin, ein zum Forstbach sehr
steil abfallendes Waldgebiet. Die Verlängerung des Obenhard ist der Hühnerberg (Hünenberg), auf dessen Rücken eine große Anzahl
hallstattzeitlicher Hügelgräber liegen, die ebenfalls von Bodewig untersucht wurden.
( ca. 900 m vom Loreleyfelsen entfernt). Sie liegen an dem alten Höhenweg St.
Goarshausen – Bornich – Weisel - Lipporn.
Hier haben wir es ebenfalls mit einem Felssporn zu tun (heute Ortsteil Heide der Stadt
St. Goarshausen), der oberhalb der Burg Katz endet, er war ebenfalls mit Wall und Graben abgesperrt und noch 1962 intakt! (3 m stark,
noch 2,60 m hoch). Auch hier ist der Wall, wie auf der Loreley, nur eine mit Holzbalken beidseitig geschützte Trockenmauer und diese wurde vermutlich
durch einen Brand zerstört. Hier waren sogar zwei Bauperioden erkennbar, eine zu Beginn der jüngeren Eisenzeit (500/450 v.Chr.), die zweite
mittelalterlich, möglicherweise in Zusammenhang mit der Burg Katz. Auch von dieser Wallanlage ist heute kaum noch etwas zu erkennen. Eine Hinweistafel
und angeschüttete Wallköpfe können den Umfang nur noch andeuten.
Wehranlagen und Schanzen auf Felsspornen finden wir im Hunsrück-Taunus-Gebiet häufiger, viele, aber nicht alle, sind
ausschließlich vorrömischer Zeit zuzuordnen. Bekannt ist, daß die Namensgebung des Taunus ( = die Höhe) auf die Kelten,
zurückzuführen ist, vermutlich ebenso der Name Rhynn für den Rhein. Die Endungen –ich, ig, oder –ach von Ortsnamen lassen sich auf das
keltische –acon beziehen, was auf einen keltischen Hof oder eine Ortsgründung hindeutet, z.B. Bornich, Lennig (ein weiterer, noch nicht
untersuchter Felssporn), Wellmich, Niederwallmenach, Gemmerich. Hallstatt- und Latenezeitliche Funde sind in Bornich, Patersberg, Kaub,
Oberwallmenach, Nastätten, Braubach, Becheln und vielen anderen Orten der Region nachgewiesen, vor allem durch Funde aus den Hügelgräbern. Man kann
also durchaus von einer Besiedlung der Gegend um die Loreley durch die Kelten (wahrscheinlich zum Stamm der Treverer gehörig) sprechen.
Auch die Römer haben am Mittelrhein greifbare Spuren hinterlassen. Boppard, das römische Baudobriga oder der Limes, der sich von Bad Ems über Becheln,
Geisig, Marienfels und Pohl nach zum Kastell nach Holzhausen zieht, bieten eindrucksvolle Beispiele. Daß auch im rechtsrheinischen Hinterland Römer
siedelten, ist u.a. dokumentiert in der Untersuchung eines römischen Gutshofes in Bogel [7], römischen Brandgräbern am Odinsnack [8] bei
Bornich, einem Gehöft in Dahlheim [9] und einem Merkurtempel in Osterspai. [10] In dem kürzlich vom Landesdenkmalamt untersuchten Grabtumulus von
Weisel wird erkennbar, daß sich die einheimischen Bevölkerung an Sitten und Gebräuche der Römer angepaßt hatten, denn die dort Bestattete war offenbar
keine Römerin, hatte aber wertvolle römische und etruskische Gefäße als Grabbeigaben. So nimmt man an, daß über einen längeren Zeitraum Römer und
Kelten hier gemeinsam lebten.
Auffallend häufig finden wir in der Bornicher Gemarkung Namensspuren des höchsten germanischen Gottes Wotan/Odin, beispielsweise im Odinsnack oder
Odendeller Nack, im Odental, im Oben(=Odin)hard. Der Odinsnack ist ein im Forstbachtal ( der Leiselbach fließt zuvor dort in den Forstbach) liegender
markanter Felsrücken. In seiner Verlängerung Richtung Loreley/Heide, dem
Obenhard / Hühnerberg, liegen die Hügelgräber und auf der felsigen Spitze des
Odinsnack finden sich Pfostenlöcher und Näpfchen, die jedoch bislang archäologisch nicht untersucht wurden. Dagegen sind die römischen
Brandgräber am Fuß des Odinsnack vom Landesdenkmalamt dokumentiert worden. Sie liegen am Rande eines Ackers, mit der Flurbezeichnung „auf dem Häusschen“ (obwohl es rundherum nur Wiesen und Äcker gibt). Es waren über einen
Zeitraum von mehreren Jahren jedoch immer nur Notbergungen, da die Bauern beim Pflügen immer wieder auf Scherben gestoßen waren, oder ein Grab
angepflügt hatten. Ein systematische Untersuchung des gesamten Umfeldes hat bisher nicht stattgefunden. Daß die Römer die religiösen Plätze der
einheimischen Bevölkerung achteten und ihre Kultstätten gelegentlich auch in der Nähe ansiedelten, ist bekannt.
Der jetzt angerissene vorgeschichtliche Hintergrund dieser Gegend zeigt, daß das Gebiet rund um die Loreley durchaus genügend Material böte, einen
zentralen Kultplatz zu vermuten. Aber es fehlen bisher nachprüfbare Beweise, die eine solche Theorie untermauern könnten.
Der mons lurlaberch, die lureley war von den ersten Aufzeichnungen bis in die späte Romantik vor allem durch eines bekannt: nämlich durch das Echo.
Merian und Dillich und viele spätere Reisende berichten von einem löchrigen Fels, der das Echo vielfach (von bis zu 15 Mal ist die Rede) und wunderbar
zurückwirft. Und die Vorüberziehenden hätten mit lautem Rufen und Trompeten ihren Spaß daran gehabt, so die diversen Berichte. Das allein machte
natürlich schon ein herausragendes Ereignis und ein Anlaufpunkt auf einer Reise entlang des Flusses aus. Das Echo soll noch in diesem Jahrhundert
bestaunt worden sein, ist aber mit dem Bau des zweiten Eisenbahntunnels und durch die Verbreiterung der Straße durch Sprengarbeiten verloren gegangen.
Daß es viele Höhlen und Löcher in der Loreley gab, belegt auch noch ein anderes Dokument. In der Bornicher Chronik wird von einer Höhle namens
Hanselmännchens Loch berichtet, in der sich die Einwohner zu Zeiten des 30-jährigen Krieges geflüchtet hatten und in der der Bornicher Pfarrer das
Abendmahl ausgeteilt haben soll.
Das Echo kann natürlich in vorchristlicher Zeit als Orakel gedient haben. Auch galt der mächtige und beeindruckende, 132 m hohe, von unten kaum
zugängliche Fels aus Grauwacke und Tonschiefer bis ins Mittelalter als Sitz von Zwergen, Elfen und Gnomen.
Man hielt noch zu dieser Zeit das Echo für ein Wunder und nahm an, daß ein „getwerc“, ein kleiner Zwerg, die Antworten auf die gerufenen Fragen gab.
Einen letzten interessanten Aspekt, den ich für noch nicht hinreichend untersucht halte, ist die Tatsache, daß sich der Mönch und Missionar Goar
gerade gegenüber des Loreleyfelsens in einer Klause niedergelassen hatte, um die Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Er vollbrachte ebenfalls viele
„Wunder“ und starb 575, nach anderen Quellen um 611, also in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht so weit von den alten Religionen entfernt waren.
Auch Bonifatius war bekanntermaßen unterwegs gewesen, um den alten Kultstätten den Garaus zu machen. In der ev. Kirche zu St. Goar ist ein
höchst interessantes altes Fresko zu besichtigen. Es zeigt Christus im Garten Gethsemane am Ölberg – und hier ist dieser Ölberg der Loreleyfelsen,
und Christus ( oder könnte es auch der heilige Goar sein?) kniet mit beschwörend erhobenen Händen am Fuß des Felsens, auf dem der Kelch der
Versuchung steht! Das Fresko wurde erst Ende des 19. Jahrh. wieder freigelegt und bekannt.
Eine abschließende Frage sei noch in den Raum gestellt, was greifen Poeten, wie in diesem Fall Brentano, auf, wenn sie eine Erzählung, ein Märchen
schreiben? Wieviel ist eigene Erfindung, ( nach eigenem Bekunden hat er sie erfunden, die Brüder Grimm haben diese auch nicht in ihre Sammlung
aufgenommen), wieviel ist Volksgut und Sage, wieviel dichterische Freiheit? Woraus und woher bezieht der Dichter seinen Stoff? Lassen sich alle späteren
Lieder, Opern, Gedichte und Erzählungen (und es gibt hunderte davon) einfach nur auf einen einmal zusammengereimten und erfundenen Stoff zurückführen?
Oder steckt nicht, wie in so vielen Geschichten, ein wahrer Kern, dessen Echtheit die Menschen anspricht, berührt und zu diesem Ort hinzieht.
Literatur zum Weiterlesen:
Chroniken von Bornich und St.Goarshausen
Die Loreley, Wolfgang Minaty, insel-tb, 1988
Die Römer im Naturpark Nassau, Limeswanderweg, Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises
Burgen und Ritter am Rhein, My Heilmann, A. Henn-Verlag Ratingen, 1974
Loreley-Report, Heine und die Rheinliedromatik, Heinr. Lindlar 1999
Das Katzenelnbogener Grafenhaus. Sonderdruck Nassauer Annalen 91.1980.S.65-76
Vita sancti Goaris. Das Leben des hl. Goar. Stadt St. Goar 1992
[1] Im Zauber der Loreley, Monographie, Gerhard Bürger , St. Goarshausen 1953, S. 12 ff
[2] Hans-Eckart Joachim. Rheinische Landesmuseum Bonn. Blätter für Besucher
[3] dto.
[4] Polenz 1971
[5] Rüwwer und nüwwer. Dokumentation des Fährbetriebes Hammerl
[6] A. v. Cohausen. Befestigungswesen der Vorzeit.1898, Bericht der römisch
germanischen Kommission II 1906, S.44.f
Bodewig , Nassauer Annalen Mitt. 1905,05. S. 110
[7] Mitteilungen des Vereins für Nassauische Altertumskunde 1901/02 Sp.67 und Bodewig, Römische Gebäude zwischen Limes und Rhein,
Nassauische Annalen 36, 1906,
S. 133
[8] Berichte zur Archäologie an Mittelrhein und Mosel Bd. 3, 1992
[9] Bodewig Nassauische Annalen Mittel.14, 1910/11, S. 25
[10] Bodewig 1906/07 „Ein Merkurtempel im Osterspaier Wald“ Nassauer Annalen 42,
1913-1-9
© Rose Brodt
Geschichten und Bilder rund um die Loreley